Der Fodeoapparat

Neue japanische Kameras bringen die Verschmelzung von Fotografieren und Filmen auf ein neues Niveau. Die Grenzen verschwimmen und könnten die Welt der Bilderfassung beträchtlich verändern.

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Von
  • Martin Kölling

Meinem Sohn gefiel die Testkamera, die neueste Sanyo Xacti, ausnehmend gut. Das Gerät kann als erste Digitalkamera der Welt über wie Unterwasser ein hochauflösendes Video schießen, während der Fotograf gleichzeitig den Fotokameraauslöser drückt. Dann knippst die Kamera parallel ein Foto in voller Auflösung – und zwar ohne wie bei bisher verfügbaren Modellen den Video-Aufnahmefluss auch nur für einen Sekundenbruchteil zu unterbrechen. Ein Testgerät von Casio, das ich eine Woche später erhielt, kann sogar Superzeitlupenvideos mit bis zu 1200 Bildern pro Sekunde und 60 Einzelfotos pro Sekunde schießen. Nicht gleichzeitig, aber immerhin. Noch nicht in der Hand hatte ich einen anderen Vorboten der neuen Zeit, die Red One, eine Videokamera, die bei einer Auflösung von vier Millionen Pixeln 30 Bilder pro Sekunde macht. Ein 8- und ein 20-Megapixelmodell sollen 2009 folgen.

Hybridkameras wie diese haben in den Fotografenforen weltweit eine heiße Diskussion um Sinn und Unsinn der – nennen wir es mal – Fodeografie, der Verschmelzung von Foto und Video, angefacht. Oder einfacher gesagt – die Frage aufgeworfen, ob sich die Fotografie revolutioniert, wenn nicht gar verschwindet. Michael Reichmann, einer der einflussreicheren Kommentatoren der Szene, stellt meines Erachtens zu Recht in einem kürzlich veröffentlichten Essay fest, dass nicht etwa durch die Interessen der Kunden, sondern allein durch den technischen Fortschritt "ein radikaler Wandel der Methoden stattfinden wird, mit denen Fotografen und Filmemacher arbeiten". Weiter schreibt er:

"Wir mĂĽssen verstehen, dass dies nicht stattfindet, weil Fotografen oder Filmemacher danach schreien (wir tun es nicht), sondern weil das gleichzeitige Aufkommen verschiedener neuer Techniken es unvermeidlich macht."

Die neuen Technologien sind CMOS-Bildsensoren mit hoher Auflösung, neue Kompressionsverfahren, schnelle Speicherkarten für die neuen Datenmassen, Prozessoren mit hoher Leistung und niedrigem Stromverbrauch, die hohen Datentransfer und riesige Datenpuffer garantieren, leistungsfähige Lithium-Ionen-Akkus zur Befriedigung des Stromhungers und nicht zuletzt große Flachbildfernseher mit hoher Auflösung, die Fotoalbum und Dialeinwände ersetzen.

Ein Aufschrei in den Foren und der realen Welt war die Folge. Eine professionelle Fotografin hier in Tokio versuchte mich davon zu überzeugen, dass eine solche Verschmelzung konzeptionell gar nicht denkbar sei, weil die Welt von Foto und Film zu unterschiedlich sei. Der Fotograf fange den Moment ein, der Filmemacher erzähle mit bewegten Bildern eine Story. Das verlange ein ganz anderes Denken, eine andere Bildsprache, ein anderes Sehen. Durch die Verschmelzung würde einzig und allein die Qualität beider Künste gemindert. Andere Fotografen fragten sich, wie man denn die Bilderfluten sichten wolle. Andere wiederum sagen, dass die Auflösung und die Bildqualität der neuen Bildfänger noch immer nicht mit ihren hochgerüsteten Spiegelreflexkameras mithalten können.

Alles geschenkt. Fakt ist, dass die Konvergenz schon vor langer Zeit begonnen hat. Schon heute greifen vor allem Web-Nachrichtenangebote, aber auch einige Tageszeitungen regelmäßig Einzelbilder aus Videos für Standbilder ab. Aber auch das ist nicht neu. Als ich vor fast zehn Jahren in einem Hamburger Profi-Studio eines jener passfotogroßen Bewerbungsbilder machen ließ, schoss der Fotograf mein Gesicht aus verschiedenen Blickwinkeln mit einer Videokamera. Die Bilder übertrug er auf einen Apple-Rechner. Gemeinsam scrollten wir wie beim Daumenkino durch die Bilder und wählten in kürzester Frist die beiden besten Exemplare aus.

Sicher wird die Standbildfotografie nicht sterben, genauso wenig wie Gemälde durch die Verbreitung der Fotografie gestorben sind. Genauso wird man in Zukunft die Möglichkeit haben, Bilder als Unikate und nicht als Massenware zu schießen. Besonders in der Landschaftsfotografie dürften Sonnenuntergänge weiterhin in langsamen Einzelbildern einfrieren, anstatt in schnellen Bildreihen. Aber in anderen fotografischen Einsatzfeldern, wo Profi-Fotografen schon heute mehr nach möglichst schneller Bildfolge oder nach extrem hoher Auflösung schreien oder die Anforderung besteht, Videos und Fotos von einem Event zu haben, dürften die neuen Möglichkeiten auf großes Willkommen stoßen.

Presse- und Naturfotografen, die Sportler, Rennautos und Tiere in schnellen Bewegungen einfangen wollen, dürften zu den natürlichen Erstanwendern gehören. Auch die Foto- oder gar die Schriftjournalisten dürften von ihren kostenscheuen Chefredakteuren noch stärker zu Multimedia-Maschinen aufgerüstet werden. Mit zwei Millionen Pixeln ist ein Bild aus einem HDTV-Film in einer Zeitung schon heute über eine halbe Seite druckbar. Doch mit der rapide wachsende Auflösung werden sich bald auch Magazinseiten füllen lassen.

Doch warum sollten nicht auch Straßenfotografen ihre Leicas gegen eine Hybridkamera vertauschen? Schließlich erhöht die Bilderflut die Möglichkeit, den einmaligen Moment für die Ewigkeit abzulichten. Und dies umso mehr, als dass einige Kameras schon heute zu fotografieren beginnen, wenn man den Auslöser halb hinunter drückt, sodass auch die Sekunden vor dem eigentlichen Bild aufgenommen werden. Gleiches gilt für die Verewigung von Familienfeiern daheim. Man muss ja nicht immer gleich 60 Bilder pro Sekunde schießen.

Wird die Qualität leiden, weil man weniger überlegt und nur noch draufhält? Vielleicht. Aber gleichzeitig wird es ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten geben. Ich denke zum Beispiel an ein Video von einem Sprinter, geschossen in hoher Auflösung und Superzeitlupe, betrachtet auf einem großen Flach-TV, das wenn möglich noch so berührungsempfindlich ist, wie es schon heute das Perceptive Pixel-Display von Jeff Han vorführt. Der Betrachter kann sich die Kraftentfaltung im Zeitraffer, in Zeitlupe und schockgefroren betrachten, Details bis auf Poren- oder Schweißtropfengröße sichtbar machen, die liebste Einzelaufnahme als Standbild abspeichern. Plötzlich hängt die Bildauswahl nicht nur vom Fingerspitzengefühl des Fotografen, sondern auch des Betrachters ab. Damit wird auch das "Standbild" interaktiv. (wst)