Andere Welten
Anmerkungen zu fliegenden Penissen und der Unabsehbarkeit von Prognosen.
- Peter Glaser
Es ist ganz anders gelaufen, als wir dachten. In einem Gebäude am Hamburger Hafen, das aussieht wie eine elegant gestrandete Milliardärsyacht, war ich mal bei den Computerleuten in einer Redaktion. Wo ich auch bin, es zieht mich zu den Jungs an den Servern. Ein Bildschirmschoner zeigte ein Aquarium. Fische schwammen vorbei in schöner Nichthektik. Ab und zu schwamm eine schwarze Katze vorbei, und manchmal pupste sie. Dann stiegen Luftblasen auf, auch die ganz gemessen. Wenn einer der Fische mit einer der Luftblasen in Kontakt kam, starb er und schaukelte wie welkes Laub auf den Grund. Wenn ich in den siebziger Jahren jemandem erzählt hätte, dass so das Computerzeitalter aussehen wird - man hätte mich gefragt, wo man das Zeug kriegen kann, das ich geraucht habe.
Wir alle geben uns einer gigantischen Illusion hin. Wir glauben, dass uns Computer unter Zuhilfenahme mathematischer, ingenieur- und naturwissenschaftlicher Ordnungskräfte dabei helfen, den Lauf der Welt in regelmäßige Bahnen zu lenken, den Fortgang der Kulturgeschichte sozusagen auf Schienen zu stellen. Wir glauben, dass sie Ausdruck aufgeklärten Denkens und frischer, von althergebrachten Düsternissen befreiter Modernität sind. Stets wie mit dem Lineal gezogen stehen Zeilen und Zellen in Texten und Tabellen akkurat in geometrisch sauberen Fenstern vor uns auf dem Bildschirm. Kein Handschriftgekrakel, kein biologisch durchmülltes Fraktalisieren, keine geologischen Papiersedimente am Schreibtisch mehr. Die neue Zeit ist vernünftig und klar.
Versinnbildlicht wurde das bereits in den sechziger Jahren durch Zukunftsentwürfe wie Raumpatrouille in denen der Hochglanz dominierte, dafür aber die Borniertheit der euklidischen Geometrie zu einer gewissen Schnittigkeit gefunden hatte. Wenn ich damals jemandem eine Zukunft beschrieben hätte, in der ich vier extrem flache, extrem leistungsfähige Elektronengehirne in meiner Wohnung stehen haben würde (neben einer Fernsehleuchte in Gestalt einer venezianischen Gondel und einer aufblasbaren Rakete in Neonrosa) und in den Nachrichten erst von einer Attacke fliegender Penisse auf eine Immobilienentwicklerin im Cyberspace die Rede sein würde und später dann von einem fliegenden Miniaturhubschrauber in Penisform, der bei einer realen Pressekonferenz den ersten Schachweltmeister attackiert, der im Wettkampf einem Supercomputer unterlegen war, hätte man mir wahrscheinlich empfohlen, mich vielleicht mal eine Zeitlang in einem Höhenluftkurort aufzuhalten.
Aber auch diese vollkommen aberwitzige und abgedrehte Fantasie hätte nicht ausgereicht, den hochtechnisch herangeschafften Alltag im 21. Jahrhundert vorstellbar zu machen. Als im Januar 2006 auf der Website balachadha.com ein Video auftauchte, das Pete Doherty beim Winken mit seinem Penis zeigte, soll der Sänger der Babyshambles empört gewesen sein. “Pete zeigte uns mal die Implantate in seiner Bauchdecke, die ihn bei seinem Heroinentzug unterstützen sollten, und entschloß sich dann spontan, sich seinem willy zuzuwenden”, erläutert einer seiner Freunde dem britischen Boulevardblatt “Sun”. Doherty hatte vergessen, dass davon ein Film existierte und war explodiert, als er erfuhr, dass jemand ihn ins Netz gestellt hatte. Skandal? Ethische Verwerfung? Imagepflege eines Sängers, der gern komische Hütchen trägt.
Nächster Klick. Vielleicht gibt’s irgendwo ja etwas wirklich Interessantes. (wst)