Der Fluch des elektronischen Geldes

In Japan ersetzt elektronisches Geld immer mehr Bares. Das Problem: Weil es im Gegensatz zu Deutschland keine Standard gibt, quellen die Portemonnaies vor lauter Geldkarten ĂĽber. Der neueste Beitrag ist ein elektronischer Raucherausweis.

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Von
  • Martin Kölling

O Gott, noch eine Karte. Und dass nur, weil Japan von Deutschland die Politik zur Reduzierung des Nikotinkonsums seiner Minderjährigen kopiert hat. Allerdings mit einer lästigen Anpassung: Während es in Deutschland Zigaretten am Automaten bald nur noch für Personen gibt, die sich gegenüber dem Geräts mittels der standardisierten "GeldKarte" als über 18-jährig ausweisen (wenigstens solange sich der Drogenrat mit dem diskutierten Automatenverbot nicht durchsetzen sollte), führt Japans Tabakindustrie schrittweise von März bis Juli dieses Jahres einen landesweiten Chipkarten-Raucherausweis für Voll- sprich Über-20-jährige ein, mit dem sich auch bargeldlos an den 570.000 Zigarettenautomaten Japans zahlen lässt.

Die Taspo-Karte ist einmal mehr hochintelligent aufgebaut. Dank einem eingebetten RFID-Chip überträgt sie ohne eingeschoben werden zu müssen Altersinformation und auf Wunsch Geld von der zuvor aufgeladenen Monetenmenge an den Zigarettenautomaten.

Das neue Zahlungsmittel steht für einen Megatrend in der Japan: den Siegeszug der Chipkarte mit Geldfunktion. In kaum einem Land wird schon so viel mit elektronischem Geld bezahlt wie in Japan. Doch es gibt ein großes Problem: Auch wenn das Bargeld schwindet, werden die Portemonnaies immer dicker. Denn während in Deutschland die Banken einen Geldkarten-Standard entwickelt haben, eben jene "GeldKarte", dominieren im vermeintlich innovationsfreudigen Japan Insellösungen von Transport- und Einzelhandelsunternehmen. In der Regel müssen die Karten lästigerweise sogar noch am Automaten mit Bargeld aufgeladen werden, anstatt dass das Geld vom Konto abgebucht wird. Der Grund: Japans wenig innovationsfreudige Banken haben den Geldkartenboom sträflich verschlafen.

Selbst in meinem Portemonnaie finden sich derzeit rund ein Dutzend Karten, und dabei schöpfe ich das Chipkarten-Potenzial nur ansatzweise aus. Meine Nahverkehrstickets in Tokio zahle ich beispielsweise mit austauschbaren Suica- oder Pasmo-Karten, die ich an Ticketautomaten aufladen kann. Mit dieser Karte kann ich auch in vielen Supermärkten und Automaten Produkte kaufen. Allerdings nicht im Großraum Osaka, wo die dortigen Verkehrsbetriebe ein nicht kompatibles System umgesetzt haben.

Außerdem haben einzelne Einzelhandelsketten ihre eigenen Bezahlkarten eingeführt – wie die Edy (unterstützt von Sony) oder Nanaco von der größten Mini-Supermarktkette Seven-Eleven. Zusätzlich gehören bei vielen Japanern noch ein bis zwei Kreditkarten, mindestens eine Kontokarte, zusätzliche Kundenkarten von Kaufhausketten, Fitnessstudios, Wäschereien oder sozialen Clubs in den Geldbeutel. Karten der behandelnden Ärzte (es gibt in Japan keine universelle Krankenversicherungskarte, sondern jedes Krankenhaus und jeder Arzt händigt selbst Karten aus) gehören ebenfalls zum Kartenportfolio.

Die neue Taspo droht dabei zur unpopulärsten Karte zu werden. Denn de facto kommt die Altersbestätigung einem elektronischen Raucherausweis gleich, da sie anders als die im Hinblick auf die persönliche Sucht anonyme GeldKarte in Deutschland hier eigens beantragt werden muss. Der Name des Rauchers wird dabei von dem von der Tabakindustrie mitgegründeten Konsortium inklusive "Mitgliedsnummer" und einem Foto gespeichert – willkommen im Club der Paffer!

Mit dieser Aktion will die Tabakindustrie weit reichendere Maßnahmen der Gesundheitspolitiker wie ein Automatenverbot vorbeugend abwehren. Schließlich dehnen sich auch im einstigen Raucherparadies Japan wie in Deutschland die rauchfreie Territorien immer weiter aus – selbst unter freiem Himmel. Immerhin wird der Nikotinkonsum noch in eigens ausgewiesenen Inhalationsräumen oder -zonen erlaubt. Mit der Chipkarte verspricht die Tabakindustrie, dass "ein hochwirksamer Weg" gefunden sei, "dem Rauchen unter Minderjährigen vorzubeugen".

Der Beweis für die Behauptung steht noch aus. Aber ein Nebeneffekt ist schon absehbar: Der Drogensüchtige kann nun mit der Karte sogar schneller an Glimmstengel kommen als zuvor. Denn die Karte kann, wenn sie mit elektronischem Geld aufgeladen ist, in Sekundenbruchteilen gleichzeitig den Halter freischalten als auch den Betrag schnurlos von der Karte ins Gerät transferieren. Niemand muss mehr Bargeld aus dem Portemonnaie nesteln und das Wechselgeld zurück stopfen, um sein Verlangen zu stillen. Die Karte allein oder das Portemonnaie mitsamt der Karte kurz ans Lesegerät halten reicht und schwupp sind 300 Yen weg. Die Packung mit rund 20 Zigaretten kann dann gleich gezündet werden. (wst)