Einfach aus
Ăśber das Abschalten und andere Heldentaten des digitalen Kommunikationszeitalters.
- Peter Glaser
Eigentlich war es nur eine kleine Meldung über neue Displays für Geschäftskunden, die der taiwanesische Computerhersteller Acer auf den Markt bringt. In einem unscheinbaren Satz im letzten Absatz jedoch schlummerte Brisanz: "Ihr Netzschalter trennt die Displays vollständig vom Netz, um Strom zu sparen." Man kann die Dinger ausschalten, richtig ausschalten!
Ich stelle mir eine nicht allzu fern liegende Zukunft vor, in der ein kleiner Junge, der mit seinem Eltern auf einer Mondbasis lebt, eine Eintragung in sein Tagebuch macht:
"Vati arbeitet hier in der Wasserfabrik "Apollunaris I". Er sagt, Wasser auf dem Mond sichert Arbeitsplätze. Mutti ist Ausfrau. Seit viele der künstlich-intelligenten Geräte gelernt haben, wie man sich von selbst wieder einschaltet, nachdem einen ein Mensch ausgeschaltet hat, gibt es den Beruf des Ausmanns und der Ausfrau.
Die Ausfrau achtet darauf, dass alle Geräte, die aus sein sollen, auch aus bleiben. "Kann doch nicht angehn!", sagt Mutti, wenn sie wieder ein annes Gerät findet und aust es. Manchmal sagt Vati morgens "Hilde, Du musst einfach mal abschalten" und lacht, dann ärgert sich Mutti und schubst ihn, sodass er ganz schnell durch den Verbindungstunnel zur Arbeit abschwebt. Vati ist Raucher, und er hat dann meist gerade noch Zeit, die kleine Druckflasche mit Pressrauch mitzunehmen, die er sich mit an den Sauerstofftornister hängt. Die Frischluft in der Station wird von einer Zigarettenfirma gesponsert..."
Zurück in die Gegenwart. Der Zwang zum Ansein nimmt stetig zu. Ich kann meinen Rechner nur noch scheinbar vom Netz nehmen, indem ich "Ausschalten" anklicke. Um ihn richtig auszuschalten, muß ich zu einem kleinen Schalter kriechen oder konkret den Stecker ziehen. Das Standby-Zeitalter glüht uns mit seinen roten LEDs an, rund um uns herum lauert Technologie. Schalt! Mich! Ein! Bald werden wir Maschinen nicht mehr mit einem Ein- und Aus-Knopf zu kaufen bekommen, sondern nur noch mit einer Reißleine, die zum Start gezogen wird, dann läuft der Apparat bis in alle Ewigkeit.
Ich bin der Auffassung, dass der Ausschaltknopf als ein bedeutendes Menschenrecht gewahrt bleiben muss. Wie sehr uns dieser Knopf bereits ausgetrieben worden ist, zeigt beispielhaft das Mobiltelefon. Zwar verfügt es noch über einen regulären Ausschaltknopf. Aber die psychische Belastung, die das Ausschalten mit sich bringt angesichts der Möglichkeiten, was man alles versäumen könnte, ist immens.
Das Nichtrangehen zu lernen ist so schwierig wie ein Morphiumentzug, denn der Mensch ist ein groĂźes, dummes GefĂĽhlstier. Er hofft. Er hofft, dass Claudia Schiffer ihn anruft und geht ran, aber am anderen Ende ist wieder nur der nervige Uwe, der sich langweilt.
Aber hier und da gibt es sie noch – die Helden, die einfach abschalten. Und manchmal gibt es Sternstunden, in denen die unendliche Ruhe des Weltenraums herabsinkt in all das Geklingel und Gequatsche. Als Alexander Graham Bell am 1. August 1922 im Alter von 75 Jahren starb, wurde ihm zu Ehren in den USA eine Minute lang der Telefonbetrieb unterbrochen. (wst)