Hochhäuser zu Plantagen

Wenn die Milch knapp wird, trinken wir unseren Kaffee eben schwarz. Und machen uns Gedanken: zum Beispiel darüber, ob es nicht an der Zeit ist, die Landwirtschaft in die Städte zu holen.

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Von
  • Niels Boeing

Die Milch wird also doch knapp. Erschien der Lieferboykott deutscher Milchbauern anfangs noch als skurrile Posse, reagieren Filialleiter von Supermärkten offenbar zunehmend gereizt, wenn sie auf einen drohenden Milchengpass angesprochen werden. Nun wird die Welt nicht davon untergehen, wenn wir für eine Weile unseren Kaffee schwarz trinken und auf Joghurt verzichten müssen.

Aber nach Jahrzehnten der Totalversorgung mit sämtlichen Agrarprodukten an 365 Tagen im Jahr ist es im satten Europa doch seltsam, wenn ein Standardprodukt einfach so ausfällt. Für einen Augenblick wird der Städter daran erinnert, dass das ganze Zeug irgendwo da draußen auf dem Land tatsächlich produziert und herangekarrt werden muss. Dass die moderne Stadt ein hochgradig unwahrscheinliches Gebilde ist, das alles Mögliche herstellen kann – nur seine eigene Lebensgrundlage nicht. New York City etwa hängt am Tropf von umgerechnet 1000 Quadratkilometern Agrarland, die die nötigen Nahrungsmittel für seine Einwohner produzieren.

1950 lebte erst ein Drittel der Menschheit in Städten, heute ist es bereits die Hälfte, und im Jahre 2050 werden es nach Schätzungen der Vereinten Nationen 80 Prozent der dann knapp neun Milliarden sein. Dann wird zusätzliches Agrarland von der Größe Brasiliens benötigt.

Vielleicht ist da die seit Jahren von einigen Wissenschaftlern verfolgte Idee, die Landwirtschaft in die Städte zu integrieren, doch einen Gedanken wert, während wir unseren Kaffee schlürfen. Dickson Despommier von der Columbia University hat 30-stöckige "vertikale Farmen" konzipiert, die das Problem lösen sollen. Nach Dicksons Schätzung würden 150 solcher Türme genügen, um New York City zu versorgen – sogar Fisch und Federvieh sollen darin gehalten werden können. Die französische Architektengruppe SOA hat einen "Tour Vivante" (einen "lebenden Turm") für die Stadt Rennes entworfen, in dem Wohnungen, Büros und eine Anbaufläche von 7000 Quadratmetern gleichermaßen Platz finden sollen. 63 Tonnen Tomaten könnte das Gebäude pro Jahr liefern, schätzen die Architekten. Der Öko-Blog Treehugger hat kürzlich einen Überblick über solche Konzepte zusammengestellt, darunter auch eines, mit dem bereits existierende Hochhäuser zumindest um eine Art "grüne Feuerleiter" ergänzt werden, in deren Modulen Gewächshäuser und Windräder Platz finden.

Die Vorteile eines "City-Farmings" (Stadt-Landwirtschaft klingt irgendwie blöd): Keine Transportwege mehr zwischen Erzeugern und Verbrauchern, in die Gärten integrierte Brauch- und Abwasserreinigung, besseres Raumklima in den Gebäuden und Frischluftzufuhr aus den Gärten ins Mikroklima der Straßen ringsum. Die nötige Energie soll aus Solar- und Windenergie-Anlagen auf den Gebäuden kommen, die damit Energie-autark werden. Und: Die Visionäre gehen davon aus, dass mit der Landwirtschaft verbundene Krankheitserreger eingedämmt, Pestizide und Kunstdünger überflüssig werden (die Pflanzen sollen in Hydrokulturen angebaut werden).

Dieser Punkt macht mich allerdings skeptisch. Ist nicht schon das Projekt "Biosphere 2" mit ähnlich hehren Zielen grandios gescheitert – unter anderem an ganz ordinären Kakerlaken? Was ist zum Beispiel mit Ratten, die ja die größte Bevölkerungsgruppe einer jeden Großstadt stellen?

Bislang ist keines der Konzepte ĂĽber das Entwurfsstadium hinausgekommen. Las Vegas plant aber angeblich, ab 2010 eine erste vertikale Farm fĂĽr 200 Millionen Dollar zu bauen, die 72.000 Menschen versorgen soll. Und bei einem Architekturwettbewerb in Manhattan ist kĂĽrzlich auch der Entwurf fĂĽr ein hĂĽbsches "Gartenhaus" eingereicht worden.

Möglich, dass die vertikalen Farmen eine spinnerte Idee bleiben, über die man irgendwann genauso lacht wie über die phantastischen 60er-Jahre-Prognosen von Futurologen wie Herman Kahn für das Jahr 2000 (darunter: interplanetarischer Flugverkehr, Bergbau mit nuklearen Sprengsätzen, Steuerung des Weltklimas). Die Frage stellt sich allerdings: Was ist größenwahnsinniger – CO2-Entfernung aus der Atmosphäre, Eisendüngung der Ozeane und gigantische Biosprit-Plantagen oder eine Landwirtschaft, die in die Städte einzieht? Sollte sich die als machbar erweisen, wäre sie genau die radikale Innovation, die wir für die sich abzeichnende Umweltkrise brauchen. Dafür könnte das Bundesforschungsministerium eigentlich mal ein bisschen Geld springen lassen. (wst)