Das Imperium schaut zurĂĽck
Die Evolution hat dem Menschen Augen gegeben, mit denen er seine leblose Umwelt betrachten kann. Die blickt nun immer öfter auch zurück.
- Peter Glaser
Mal sehen: Vor etwa 505 Millionen Jahren erfand die Natur die Fenster. Sie waren zuerst direkt in Lebewesen eingelassen – die Augen. Seit dem Urknall war jede Menge los gewesen, aber kein Schwein hatte hingeguckt. Endlich konnte die Welt sich selbst sehen. Dann der Mensch. Schon vor mehreren hunderttausend Jahren konnte er in seinem Lagerfeuer erblicken, was sich uns heute durch einen Blick aus dem Flugzeugfenster zeigt: In der Glut, der zu winzigen Häuserschluchten aufgeplatzten Baumrinde des glosenden Feuerholzes, sah unser Vorfahre bereits das Bild einer nächtlich leuchtenden Großstadt der Gegenwart.
Über die Art und Weise, wie der Blick und das Gesehene sich zueinander verhalten, gab es im Lauf der Zeit sehr unterschidliche Anschauungen (sic!). Die alten Griechen erklärten sich den sehenden Blick mit einer geheimnisvollen Emission. In seinem Traktat "Über die Natur" führte Platon aus, die visuelle Wahrnehmung basiere nicht auf Lichtstrahlen, die ins Auge fallen, sondern beruhe vielmehr auf Sehstrahlen, die vom Auge ausgingen und dabei mit Teilchen in Wechselwirkung treten würden, die von den betrachteten Gegenständen stammen.
Schon sein Schüler Aristoteles lehnte alle Theorien ab, die aus dem Auge austretende Strahlen vorsahen. Aber erst der arabische Mathematiker und Optiker Abu Ali al-Hasan Ibn Al-Haitham – er lebte um die erste Jahrtausendwende und wurde im Westen als Alhazen bekannt – ging die Sache vom Aufbau des menschlichen Auges her an. Er widerlegte die Sehstrahlen-Theorie experimentell. Und er war Wissenschaftler mit Leib und Seele. Am Hof des Kalifen Abu Ali al-Mansur in Kairo war Alhazen bis zum Wesir aufgestiegen, mehr als die Macht aber interessierte ihn die Wissenschaft. Da er den Zorn des Kalifen fürchtete, stellte er sich geisteskrank, um sich statt als Beamter als Wissenschaftler betätigen zu können und wurde nach dem Tod des Al-Mansur auf scheinbar wundersame Weise wieder gesund.
Die ausrangierten Sehstrahlen mussten ab da niedere Dienste als bloĂźe Hilfslinien leisten. Erst als im 15. Jahrhundert die mathematisch konstruierbare Perspektive ihren Siegeszug antrat, vermochten sie sich wieder zu etwas wie einer gewerkschaftlich geeinten Struktur zu erheben.
Mit ihrer Hilfe konnten nun Netze geknĂĽpft werden, mit denen sich das Unfassbare fassen lieĂź - der Raum. Zu einem glanzvollen Comeback verhalf dem alten Sehstrahl Platons die Computergrafik. Die Methode der StrahlenrĂĽckverfolgung (Raytracing), die uns inzwischen meisterliche Mengen von dem bescheren, was naschhafte Amerikaner "eye candy" nennen, basiert auf einem Algorithmus, der von einem Blickpunkt aus Strahlen aussendet und, wie mit einem superschnellen Blindenstock, nach Objekten im Raum tastet.
Das menschliche Sehen, diese Auffassung ist inzwischen gängig, wird ausgelöst durch anbrandende Photonen im Bereich zwischen 385 und 790 Terahertz, die auf die Rezeptoren der Netzhaut treffen. Die in diesen Photonenstürmen erkennbaren Muster folgen verschiedenen Regeln. Eine davon lautete bisher: Dinge können einen nicht angucken. Aber damit ist es nun auch vorbei. Ein niederländisches Forscherteam der Elektronikfirma Philips um Tatiana Lashina und Kero van Gelder hat den Prototyp eines Schaufensters entwickelt, das beobachtet, welche Produkte die Kunden intensiv betrachten, um ihnen (den Kunden) selbständig weitere Hintergrundinformationen zu liefern. Software zur Blickverfolgung stellt die Wahrnehmungsrichtung der Betrachter fest und identifiziert die eräugten Objekte – bei mehreren Window Shoppern auch jene Gegenstände, die am meisten betrachtet werden. Mildere Formen der aus ihrem Dornröschenschlaf erwachenden Dinge gibt es schon länger. In Tokio fragen einen Getränkeautometen beim Vorbeigehen manchmal, ob man nicht vielleicht durstig sei. Und wer schon einmal jemandem dabei zugesehen hat, der versucht, eine berührungslose Armatur an einem Waschbecken durch Gesten doch noch zur Ausgabe von Wasser zu veranlassen, weiß, dass Mensch und unbelebte Materie auch schon gelegentlich ein Tänzchen miteinander wagen.
Dinge, die meinen Blick bloßlegen, möchte ich persönlich aber nicht. Der direkte Blick wird nicht nur von Tieren oft als Aggression empfunden. Man gesteht ihn Kindern zu, herangewachsene Menschen aber üben sich in der komplexen Kunst des Schauens, streifender Blicke, des Wegsehens, Spähens, Hinschielens, Zwinkerns, von flüchtigen, strahlenden, heimlichen Blicken – der Blick verrät viel und möchte vieles nicht verraten.
Er ist ein feines und vielfältiges Mittel sozialer Kommunikation. Und eine Technik, die dieses Ausdrucksmittel reduziert zu einer mechanischen Verbindung zwischen einer Brieftasche, die schaut und einer Ware, die einen interaktiv anflirtet, ist ein Fortschrittz höchstens in etwas, das man Konsumentenverarbeitung nennen könnte. Die Vorstellung, dass mich künftig nicht mehr nur Anreißer mit Handzetteln auf der Straße bedrängen, sondern sich mir ebensogut der Mülleimer an der Bushaltestelle oder der Rolltreppenhandlauf in umsatzfördernder Weise aufdrängen könnten, ist mir nicht angenehm. Was tun? Mal sehen. (wst)