Nowhere to "go"

Schweine im Weltall: Eine etwas andere Geschichte der bemannten Raumfahrt.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Peter Glaser

Die Toilette der ISS funktioniert wieder. Dass das Austreten im All ein immer nur provisorisch reparables Problem ist, ist indes ein integraler Bestandteil der bemannten Raumfahrt und wirft ein Licht darauf, wie unbezähmbar sich der menschliche Organismus seiner technischen Einkapselung widersetzt.

Schon der erste Raumflug eines Amerikaners ging in die Hose: Der Flug von Alan Shepard am 5. Mai 1961 sollte 15 Minuten dauern, aber während des Countdowns hatte es wegen eines technischen Problems einen vierstündigen "Hold" gegeben. Nach einer Weile musste der längst in seine Kapsel verschraubte Shepard immer dringender pinkeln, aber niemand hatte an einen Auffangbehälter für Urin gedacht. Nach längerer Beratung teilte man ihm mit, er solle in den Raumanzug machen. Dann war der feuchte, warme, eingezwängte, erleichterte Mensch auf dem Weg in den Weltraum.

In den Augen der Ingenieure war das alles Entscheidende die Technik. Der Mensch in der Kapsel war für sie kein Pilot, sondern eine lebende Kanonenkugel. "Der Astronaut ist ein überzähliger Bestandteil des Systems", befand ein Ingenieur im Sommer 1960 anlässlich einer Konferenz des Armed Forces National Research Council. Die Testpiloten, die sich als Astronauten bewarben, machten auf ihre Art darauf aufmerksam, dass die Techniker und Wissenschaftler außer Kontrolle zu geraten drohten.

In seinem Reportageroman "Die Helden der Nation" beschreibt Tom Wolfe, wie neben zahllosen anderen unglaublich unsinnigen Tests jeder Astronauten-Kandidat zwei Stuhlproben in Feldbechern abliefern musste. Charles Conrad – er landete im November 1969 mit Apollo 12 auf dem Mond – brachte tagelang nichts zustande. Schließlich produzierte er einen harten, kleinen Kotball, band eine rote Schleife um das Ergebnis und lieferte es im Labor ab. Das Personal musterte ihn, "als sei er ein lästiges Insekt auf der Windschutzscheibe des Fortschritts".

In den russischen Raumanzügen gab es von Anfang an Behälter für Ausscheidungen. Kurz vor dem zweiten US-Raumflug im Juni 1961 fiel einem Arzt auf, dass für den Astronauten Gus Grissom wieder niemand an ein Urin-Auffanggefäß gedacht hatte. Eine Krankenschwester kaufte einen Hüftgürtel, mit dem ein Präservativ als Behelfs-Klo an Grissom befestigt wurde. 1963, genau einhundert Jahre nachdem Thomas Crapper die Toilette mit Pedalspülung erfunden hatte, war der Astronaut Gordon Cooper der erste Amerikaner, der im Weltraum einschlief. Zu seinen Aufgaben gehörte es, in genau festgelegten Zeitabständen Urinproben abzugeben. Man hatte ihm eine Injektionsspritze gegeben, mit der er die Proben aus der Urinflasche in kleine Behälter füllen sollte, aber die Spritze leckte. Bernsteingelbe, stinkende Kügelchen umschwebten Gordon Cooper; dann und wann versuchte er, sie zu einer größeren Kugel zusammenzutreiben. Draußen vor dem Fenster schwebte die blaue Kugel der Erde.

Der Aufbruch der Menschen aus der vermeintlichen irdischen Enge in die Weite des Weltraums erforderte ein Astronautentraining, das vor allem darin besteht, dem Körper abzugewöhnen, dass er ein Körper ist. Wer auf dem Mond von einem menschlichen Bedürfnis ereilt wurde, musste sehen, wie er klarkam. Es gab einen Sack mit einem Klebeband am Ende, "das war", berichtete Apollo 17-Astronaut Gene Cernan, "schon etwas anderes als Camping im Freien". Mit den Space Shuttles verflog die Euphorie der Apollo-Ära und Mondfahrer. Im Nasa-ShuttleWeb verzeichnet bereits die dritte Shuttle-Mission von 1982 – kurioserweise unter "Mission Highlights" – "space sickness, malfunctioning toilet". Trotz 12 Millionen Dollar Entwicklungskosten war das Klo in der US-Raumfähre ein fäkales Fiasko. Auf zehn der elf ersten Flüge wies die Toilette Mängel auf.

Im Januar 1993 hatte mit dem Start der US-Raumfähre Endeavour der Prototyp einer neuen Space Shuttle-Toilette Premiere. Er kostete knapp 20 Millionen Euro und sah aus "wie eine Mischung aus elektrischem Stuhl und Lackieranlage" (Kölner Express). Hoher Luftdruck aus zwölf Düsen unter dem Sitz beförderte die Exkremente in ein zylindrisches Gefäß, in dem die festen Bestandteile, von einem Quirl zerkleinert und durch Rotation komprimiert, bis zur Rückkehr auf die Erde aufbewahrt werden. Da sich das Toilettenpapier gern um den Quirl wickelt, ist das Shuttle-WC oft verstopft.

Für die Astronauten bedeutet das, dass sie vor dem Start an einer Trainingstoilette das Zielen üben müssen, "mit einer Videokamera im Absaugschlauch", so der deutsche Astronaut Ulrich Walter. Und: "Ein Geräusch ist für das Gelingen der Mission äußerst wichtig. Es kommt aus der Toilettenecke. Man legt einen kleinen Schalter um, der den Unterdruckmotor hochlaufen lässt. Das ist die kritischste Phase überhaupt. Jeder im Middeck kennt den hochlaufenden Ton. Auch, wenn man so tut als arbeite man unbeeindruckt weiter, so hört doch jeder sehr aufmerksam hin, ob der Motor auch wirklich seine Enddrehzahl erreicht. Wenn nicht – und das ist schon öfter vorgekommen –, gibt es Probleme. Ein Ausfall der Toilette kann sogar den Abbruch einer Mission zur Folge haben."

1996, zehn Jahre nach dem Start der russischen Raumstation Mir, stand die Besatzung vor einer elementaren Herausforderung: das Klo war voll, der nächste Abfall-Abtransport erst für November in Sicht. Chefkonstrukteur Jurij Semjonow berief Ende Oktober eine Krisensitzung ein. Das Ergebnis fasste die Zeitung "Iswestija" so zusammen: "Es wurde der Vorschlag gemacht, die Abfälle in einem Sack mit einem Stock zu rühren um sie festzustampfen." Undsoweiter.

Wir sind heute so bereit, die Konsequenzen der Technik zu akzeptieren, dass wir beinahe verlernt haben, uns durch gesunden Menschenverstand oder spöttisches Lachen vor Monstrositäten zu schützen, die keinem menschlichen Bedürfnis entsprechen, aber gerade wegen ihrer Kompliziertheit als technische Attraktion erscheinen. 47 Jahre bemannte Raumfahrt, und immer noch liegen die Astronauten beim Start in ihrer Pisse. Inzwischen hat das ganze immerhin einen medizinischen Namen – der "Gauer-Henry-Reflex". Flüssigkeit strömt aus den hochliegenden Beinen in den Oberkörper, die Nieren beginnen prompt und kräftig zu arbeiten. Der Fortschritt: Seit einigen Jahren hat sich bei der Nasa eine Pampers-Spezialanfertigung für Erwachsene durchgesetzt. (wst)