WidersprĂĽchliche Umweltbilanz

Vor dem G-8-Klimagipfel glänzt Japan mit Umwelt-Hightech. Aber in vielen Bereichen hängt das Land weit hinter Europa hinterher.

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Von
  • Martin Kölling

Japan begeht einen traurigen Rekord: Im Jahr 2007 starben erstmals mehr als 1000 Menschen an durch Asbest ausgelösten Lungenkrebs. Der eigentliche Skandal: Die Regierung hätte viele Opfer verhindern können, wenn sie wie die USA und viele europäische Länder Asbest frühzeitig verboten hätte. Stattdessen wiegelte die Regierung die Gefahren über Jahrzehnte ab und rang sich erst 1995 zu einem dann auch nur teilweisen Verbot von Asbest durch. Experten gehen davon aus, dass Asbest in den kommenden 40 Jahren noch 100.000 Todesopfer fordern wird.

Der Umgang mit Asbest ist ein Beispiel für die widersprüchliche Umweltbilanz der ostasiatischen Hightech-Nation. In vielen umweltfreundlichen Techniken wie Benzin sparenden Motoren, Elektroautos, Solarzellen und Brennstoffzellen gehört Japan unbestritten zur Weltspitze. Aber das Umweltbewusstsein ist nur dürftig entwickelt.

Dies belegte jüngst eine Studie einer japanischen Werbeagentur, die insgesamt 2600 Personen in acht Weltstädten nach ihren Ansichten zum Klimawandel befragte, namentlich Tokio, New York, Toronto, London, Paris, Mailand, Moskau und Frankfurt (wobei ich hier nicht den Weltstadtstatus von Frankfurt diskutieren möchte). Nach der Umfrage zeigten die Tokioter zwar den höchsten Grad an Besorgnis über die globale Erwärmung, aber gleichzeitig die geringste Bereitschaft, für etwas mehr Klimaschutz Opfer beim Lebensstil zu erbringen.

Andere Beispiele für fehlendes Öko-Bewusstsein finden sich zuhauf. Während China gerade die Ausgabe von kostenlose Plastiktüten verboten hat, feiert in Japan der Verpackungswahn noch immer fröhliche Urständ. Kekse in der Tüte sind häufig individuell noch einmal in Plastik gehüllt. Selbst Kartoffeln und Möhren gibt es dann und wann einzeln verpackt.

Das Auto beim Nickerchen oder Schäferstündchen tuckern zu lassen, damit die Klimaanlage schön weiter kühlt, ist ebenso Usus wie die illegale Müllentsorgung am Straßenrand, in Forsten, Flüssen und dem Meer durch einzelne Menschen, Betriebe oder Japans organisierte Kriminalität.

Dramatisch wird's beim Thema Hausisolierung. Die ist so gut wie nicht vorhanden. Fenster sind bis heute in der Regel einfach verglast. Bei älteren Modellen (sagen wir wohlwollend einmal Fenster, die älter als 15 Jahre sind) pfeift der Wind durch die Ritzen. Und die Rahmen bestehen aus dem ganz fantastischen Wärmeleiter Aluminium, so dass die Menschen im Winter die Außenwelt heizen wie sie sie im Sommer mit ihren Klimanlagen kühlen.

Dass die Kohlendioxidemissionen der Privathaushalte dennoch noch heute unter dem des Westens liegt, verdankt die Nation dem relativ milden Klima und vor allem dem recht energiearmen Lebensstil. Im Winter wird traditionell schlicht nicht geheizt, und wenn vielleicht nur ein Raum. Drum gibt es auch keine Zentralheizungen, sondern nur beheizte Klobrillen und im Wohnzimmer den Kotatsu, einen kniehohen Tisch, unter dem eine Heizschlange nur den Raum unter dem Tisch wärmt und eine Decke unter der Tischplatte die Wärme unter dem Tisch hält. Vom Gemütlichkeitsfaktor kommt das einem europäischen Kachelofen gleich.

In den letzten Jahrzehnten tauschen allerdings immer mehr Familien den Kotatsu gegen westliche Esstische. Die Kohlendioxidemissionen der Privathaushalte sind daher von 1990 bis 2005 um 44 Prozent explodiert, stellte das Umweltministerium Anfang Juni in seinem Weißbuch für Umwelt und Recycling fest. Der wachsende Energiehunger der Japaner in ihren Heimen ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Japan nicht wie im Kyotoprotokoll versprochen die Kohlendioxidemission um sechs Prozent senken kann, sondern sogar erhöht hat.

Es gibt zwar erste, sanfte Ansätze, die Baustandards und damit die Wärmeisolierung zu verbessern. In der Nähe meines Wohnorts wird sogar gerade ein Passivhaus gebaut, dass keine Energie zum Heizen benötigen soll. Doch angesichts des behördlichen Schneckentempos und der Verfilzung von Bürokratie mit der Wirtschaft sind die Maßnahmen nur kleine Tropfen auf den heißen Stein. Das weiß anscheinend auch das Ministerium. Es bittet seine Untertanen, zum Wohle des Klimaschutzes täglich eine Minute kürzer zu duschen.

Meine Empfehlung: Stellt dazu noch das Heißwasser aus. Oder noch besser: Ersetzt das tägliche heiße durch ein kaltes Familienbad. Statt zig Minuten in der Wanne zu sotten, könnten die Menschen kurz a la Kneipp kaltes Wasser treten. Dies könnte eine willkommene Nebenwirkung auf die Gesundheit haben. Denn die Abhärtung sollte gleichzeitig dafür sorgen, dass sich weniger Menschen im Sommer Klimaanlagenerkältungen zuzuziehen. (wst)