Der Badehosenschock

Japans Sportartikelhersteller stehen kurz vor der Olympiade nackt da: Nippons Schwimmer wollen einen britischen Badeanzug anziehen, weil sie sonst ihre Medaillenchancen davonschwimmen sehen.

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Von
  • Martin Kölling

Die japanischen Sportartikelhersteller Asics und Mizuno dürften das vergangene Wochenende ganz unpatriotisch verflucht haben – denn sie waren an den Erfolgen nicht mehr beteiligt. Bei einem nationalen Schwimmwettbewerb purzelten satte 17 Japan-Rekorde. Und Japans Schwimmstar Kosuke Kitajima, der bei der Olympiade 2004 zwei Goldmedaillen gewonnen hatte, pulverisierte den Weltrekord über 200 Meter Brust. Die Leistungsexplosion kurz vor den Sommerspielen in Peking ist natürlich toll fürs nationale Selbstvertrauen, aber extrem dumm für Japans heimische Olympiaausstatter. Denn all die Rekordgewinner waren fremd gegangen und hatten den "LZR Racer" des britischen Traditionsherstellers Speedo angezogen.

Der Ganzkörperanzug zeigt, dass sich dank Computermodellen und Fortschritten in den Materialwissenschaften und Produktionstechniken die menschliche Leistungsfähigkeit noch weiter steigern lässt. So konnte Speedo in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Weltraumagentur NASA, dem australischen Sportinstitut und der Universität Nottingham den Strömungswiderstand des Anzugs um fünf Prozent gegenüber dem Vorgängermodell senken, die Schwimmer beim Start, Sprint und Wenden um vier Prozent beschleunigen und die Sauerstoffaufnahme der Sportler um fünf Prozent erhöhen.

Die Ergebnisse bestätigen die Behauptungen des Herstellers. So haben Speedo-beschleunigte Schwimmer seit der Einführung der neuen Polyurethanhaut im Februar dieses Jahres 38 Weltrekorde gebrochen. Die Athleten überschlagen sich in Lobeshymnen. Ein japanischer Schwimmer schätzt, dass er auf den ersten 15 Metern 0,7 Sekunden gewinnt. Und der sechsfache Weltrekordhalter Michael Phelps rief über eine Presseerklärung von Speedo aus: "Ich fühle mich wie eine Rakete." Sein Kollege Libby Lenton aus Australien schwärmte derweil: "Das ist wie bergab schwimmen."

Das Geheimnis: Der Anzug ist ein Hightech-Mieder. Er wurde so entworfen, dass er den Schwimmerkörper in eine Form presst, die dem Wasser weniger Widerstand bietet. Der Anzug ist daher so eng, dass es mehr als zehn Minuten dauert, ihn anzulegen. Um die optimale Form zu finden, hat Speedos Entwicklungsabteilung Aqualab 400 Schwimmer gescannt. Im Computermodell wurde dann ihr Strömungsverhalten untersucht. Neben der operationslosen Vervollkommung des menschlichen Körpers konnte Speedo zudem an Stellen mit hoher Reibung besonders widerstandsarme Stoffe platzieren.

Herve Morvan von der Universität Nottingham, die die Modelle für den Strömungswiderstand programmiert hat, erklärt: "Die computergestützte Strömungsdynamik ermöglicht es uns, die Eigenschaften des Anzugs zu nutzen, um unter Berücksichtung der physiologischen und biomechanischen Anforderungen der Athleten den Körper so ideal wie möglich zu formen." Ein weiteres Novum: Die drei Hightechstoffe, aus denen der LZR Racer hergestellt wird, sind erstmals mit Ultraschall zu einer nahezu nahtlosen Haut verschweißt worden. Dadurch wird die Reibung des Anzugs weiter gesenkt.

Nippons Sportartikelriesen versuchen nun fieberhaft, bis Ende des Monats Speedos Erfolgsmodell nachzuentwickeln. Der japanische Schwimmverband vertraut allerdings nicht auf ihren Erfolg und hat seinen Athleten gestattet, Speedo zu benutzen. Die Schmach wird allerdings auch ein gutes haben: Die Japaner werden nun massiv selbst in Forschung und Entwicklung investieren. Eine neue Ära der Rekorde könnte anbrechen – ermöglicht durch die durch Rechnerkraft und Hightech optimierte alte Kunst textilen Bodyshapings. Es ist hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis die neuen Erkenntnisse auch in die normale Mode einfließen und Wohlstandsübel bequemer als bisher wegformen. (wst)