Ausweitung der Ratlosigkeit

Ausgerechnet im „Informationszeitalter“ scheint es unmöglich zu sein, herauszufinden, was richtig und was falsch ist für eine nachhaltige Zivilisation. Ist unser wissenschaftliches Erkenntnismodell noch zeitgemäß?

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Von
  • Niels Boeing

Ach, tat das gut: drei Wochen Fußballwahn, Auszeit von der medialen Dauerreflexion, wie der Konsument, die Politik und alle zusammen sich und die Welt retten können. Endlich etwas, das leicht zu verstehen ist (abgesehen von den Formschwankungen der deutschen Mannschaft): 22 Spieler, ein Ball und zwei Tore.

Alles andere ist undurchsichtig.

Der grüne Konsument soll der Umwelt zuliebe lokale Produkte kaufen. Aber dann stellt sich heraus, dass Äpfel aus Argentinien eine bessere CO2-Bilanz als solche aus dem Alten Land haben können, dass neuseeländisches Lammfleisch für britische Verbraucher klimaneutraler ist als das aus Schottland. Der Streit, ob Atomkraft oder Photovoltaik in der Energiefrage der Vorzug zu geben ist, tobt unvermindert weiter, und jede Seite präsentiert immer neue Zahlen. Eine Studie, die erstmals eine mögliche krebserregende Wirkung von Mobilfunkstrahlung zeigt, entpuppt sich erst als gefälscht – doch dann war vielleicht die Nachricht von der Fälschung selbst gefälscht. Und so weiter: Wann immer es um Weltklima, Gesundheit, Lebensmittel, CO2-Bilanzen oder gentechnisch veränderte Pflanzen geht, folgt auf eine wissenschaftliche Erkenntnis eine andere, die diese wieder in Frage stellt.

Ausgerechnet im „Informationszeitalter“ scheint es unmöglich zu sein, herauszufinden, was richtig und was falsch ist. Gute Zeiten für mutige Tabubrecher, die das, was gestern als richtig galt, heute fröhlich niedermachen. Ein schönes Beispiel ist die Liste von zehn Lebenslügen der Umweltbewegung, die Wired.com vor einigen Wochen identifiziert hat: Atomkraft, ja bitte; das Stadtleben ist klimaneutraler als das Landleben; konventionelle Lebensmittel sind besser als organische; Emissionshandel funktioniert nicht; gebrauchte Autos sind umweltfreundlicher als Hybridwagen... Darüber könnten wir Monate streiten.

Das Problem, das sich aus diesem Durcheinander herausschält, hat jedoch nur zum Teil mit Machtverhältnissen und Lobbyismus zu tun. Es ist auch die wissenschaftliche Methode, harte Fakten zu ermitteln. Sie ist bei der Erforschung einer nachhaltigen Zivilisation an ihre Grenze gekommen.

Wir alle haben gelernt: Hypothesen werden dann zu brauchbaren Theorien, wenn sie wiederholt empirischen Tests standhalten. Wenn die Empirie dagegen spricht, gelten sie als „falsifiziert“. Dieser erkenntnistheoretische Durchbruch des Philosophen Karl Popper von 1934 ist allerdings bald wieder in Frage gestellt worden: Woher wissen wir, dass ein bestimmter empirischer Befund verlässlich genug ist, um eine Hypothese oder Theorie zu erledigen? Der Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos hat später gezeigt, dass der Vorgang der Falsifizierung selbst von etlichen Annahmen abhängt und neue logische Probleme aufwirft.

Mit diesen Schwierigkeiten konnte man noch ganz gut leben, solange es „nur“ ums Beobachten und Vermessen von physikalischen Systemen ging. Die Systeme, die uns heute interessieren: Klimamodelle, Lebenszyklusanalysen, Energiebilanzen, sind vor allem Datenkonstrukte. Wie kann man aber entscheiden, ob die Datenbasis ausreichend ist? Ist zum Beispiel ein Klimamodell je im Popper’schen Sinne falsifizierbar? Wie viele Gitterpunkte in einem numerischen Modell sind genug? Nach wie vielen Stellen hinter dem Komma kann man eine Variable in einem Programm abschneiden, ohne das Ergebnis eines Computermodells zu verzerren?

Auch nicht unerheblich: die noch recht junge Erkenntnis, dass nachvollziehbare Kausalketten in komplexen Systemen verschwimmen – und damit auch Prognosen noch schwieriger machen. Wenn wir tatsächlich alle in kurzer Zeit unsere Autos aufgeben und auf Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, haben wir vielleicht ein Problem gelöst – aber wie viele neue geschaffen?

Robert Anton Wilson hat einmal festgestellt, dass wir unser ganzes Leben immer mit einem überholten Mindset verbringen, einem, das in unserer Jugend geprägt wurde und nie zur jeweiligen späteren Gegenwart passt. Es ist noch schlimmer: Unser Weltbild verharrt immer noch bei Isaac Newton und Adam Smith. Es gibt ein festes Bezugssystem, alles ist im Prinzip berechenbar, und die Handlungen rationaler Individuen summieren sich on the long run zum Allgemeinwohl auf.

Aber vielleicht springt uns noch die Evolution zur Seite. Nach einer Studie aus dem Jahre 2000 ist bei altgedienten Londoner Taxifahrern der Teil des Hippocampus, der für die Speicherung räumlichen Wissens zuständig ist, vergrößert. Das Gehirn passt sich offenbar an die Aufgabe an, die Karte der Londoner Megalopolis ständig parat zu haben. Vielleicht braucht es eine Generation von Mentaten, um die Welt von Newton und Smith zurückzulassen und das Problem der Nachhaltigkeit zu lösen.

Nachtrag 3.7.2008:
Chris Anderson diskutiert in der neuen Edge-Ausgabe dasselbe Problem. Unter dem Titel "The End of Theory" fordert er, die Wissenschaft möge sich nicht mehr mit Newton'scher und Popper'scher Methodologie aufhalten, sondern von Google lernen. Er zitiert außerdem Googles Peter Norvig mit der provokanten Behauptung: "All models are wrong, and increasingly you can succeed without them." Naja, das verringert die Ratlosigkeit nicht gerade.
Chris Anderson: The End of Science.
Antworten auf Anderson von Kevin Kelly, George Dyson, Jaron Lanier u.a.
(wst)