Virtuell verkalkt
Warum funktionieren Links nur anorganisch? Und wann werden sie endlich zum Leben erweckt?
- Peter Glaser
Durch das Internet soll die Welt magisch werden. Das ist der Kern aller digitalen Beschleunigungsvorstellungen. Das Internet soll sich in eine planetare Jetzt-Sofort-Alles-Maschine verwandeln. Jede Absicht soll augenblicklich erkannt werden, jeder Wunsch soll augenblicklich in Erfüllung gehen. Was heute noch in den Anfängen steckt – gedankengesteuerte Mauspfeile, 3D-Drucker, Telepräsenz – wird sich in absehbarer Zeit elegant ins Netz einfügen und dafür sorgen, dass es Zauberei nicht mehr nur im Märchen gibt. Was diesen Durchfluss der Wünsche angeht, ist nicht die Frage, welche Art von Objekten man ihm in den Weg stellt, um sozusagen Stimulanz anzustauen, ob Text, Bilder oder Simulationen.
Viel wichtiger ist die Frage nach der Struktur, in der sie stehen. Heute ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass sie uns nicht nur erlaubt, alte Unordnungen ohne Abstriche in den Computer zu übernehmen, sondern sie noch weit zu übertreffen. In einem nie zuvor dagewesenen Ausmaß und mit bemerkenswerten Geschwindigkeiten läßt sich nun mit Computerhilfe Durcheinander erzeugen. Nur junge, unreife Menschen glauben, Ordnung sei langweilig und unkreativ. Klare Wege durchs Unwegsame zu ziehen, darin liegt eine große Herausforderung.
Bei aller Liebe zur virtuellen Struktur muss man allerdings ebenso erstaunt wie kritisch anmerken, dass nämlich die fundamentale Idee der Netzstruktur stagniert – die Verbindungsmöglichkeiten durch Hyperlinks. Links funktionieren nach wie vor rein mechanisch: Man klickt auf A und landet in B, wie in einem Rohrpostsystem. Hier frage ich mich zum Beispiel, weshalb noch niemand ausprobiert hat, die feinen Abstimmungsmöglichkeiten, über die wir in der biologischen Öffentlichkeit verfügen – nicht nur starre Links, sondern auch Assozationen, Varianzen, oder das, was Chemiker Valenzen nennen und Goethe in den "Wahlverwandtschaften" behandelt hat – weshalb also keiner probiert, einen Link am Vormittag an ein anderes Sprungziel führen zu lassen als am Nachmittag oder Nachts...
Es gibt die Vorstellung, dass ein wichtiger Teil des Fortschritts darin besteht, die technische Kultur vom Mechanischen hin zum Organischen zu entwickelt. Die zurückliegenden 5000 Jahre waren dem Versuch gewidmet, aus Menschen Steine zu machen – Kristalle, wie man es an militärischen Menschenformationen und den zugehörigen "Schleifern" ebenso inbildhaft erkennen kann wie an den euklidischen Idealfiguren. Um die Dauerhaftigkeit von Stein mit der Dynamik lebender Menschen verbinden zu können, bedurfte es jener Maschine, die mit dem Pyramidenbau begonnen hat und deren unzuverlässige menschliche Teile im Lauf der Jahrhunderte nach und nach durch mechanische ersetzt worden sind.
Nun erzeugt das Hypertextgewebe des Internet einen blutgefäßhaften, nervenbahnigen Eindruck quasibiologischen Geschehens. Nachdem das alte Web die öde, kristalline Anmutung einer endlosen Schaufensterflucht hatte, schwirrt die Neuinkarnation vermeintlich vor vitalem Geschehen. Es socialt. Die uralte Beschränkung der Schrift, so die Verheißung, öffnet sich jetzt ins Translineare. Links in einem Text sind traditionsgemäß blau gefärbt, sie sehen aus wie feuchte Stellen, an denen die althergebrachte Papierschriftlichkeit durchlässig wird und durchsuppt hinaus in die verschiedensten Nachbarschaften. Aber weshalb baut niemand Links, die sich mit den Jahreszeiten verändern? Die wie Laub die Farbe wechseln und anzeigen, wie alt sie sind. Warum macht das keiner? Wo bleibt der Fortschritt? (wst)