Mein Freund, der Sensor

Eine Gruppe koreanischer Studenten hat ein Sensorium entwickelt, das Bäume befragen kann. “Tree Talk” von Han-Wook Lee, Dong-Sub Lee und Man-Suk Oh erschließt aus den elektrischen Signalen aus der Rinde, ob der Baum gesund ist.

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Von
  • Peter Glaser

In den achtziger Jahren hatte der damalige Papst Johannes Paul II. in einer Ezyklika geäußert, das menschliche Leben müsse wieder menschlicher werden, was die Autoren des Satiremagazins Titanic in der Rubrik “Briefe an die Leser” zu der erweiterten Frage veranlaßte, ob denn nicht auch “das tierische Leben wieder tierischer und das pflanzliche pflanzlicher” werden müsse.

Was sich hier noch albern anhört, hat inzwischen Dank der immer umfassender um sich greifenden Überwachungstechnologie einen ernsten Unterton bekommen. Längst sind es nicht mehr nur Menschen, die überall und in allen Lebensbereichen überwachbar gemacht werden sollen. Haustiere werden gechipt, Wildtiere beringt. Nicht einmal der Marsstaub hat mehr seine Ruhe und wird noch nach allerwinzigsten kontrollierbaren Kreaturen durchwühlt.

Lewis Mumford spricht von den magischen Kräften der Wissenschaftspriester und ihrer technischen Gehilfen, die der Menschheit die unübertroffene Eignung des göttlichen Computers für absolute Herrschaft vor Augen führen – “Hiermit wird der letzte Sinn des Lebens vom Standpunkt der Megamaschine schließlich klar: Er besteht darin, eine endlose Reihe von Daten zu liefern und zu verarbeiten, um die Rolle des Machtsystems zu erweitern und seine Herrschaft zu sichern. Wenn irgendwo, dann liegt hier die Quelle der unsichtbaren höchsten Macht, die imstande ist, die moderne Welt zu regieren.”

Nun sind die Bäume an der Reihe. Eine Gruppe koreanischer Studenten hat ein Sensorium entwickelt, das Bäume befragen kann. “Tree Talk” von Han-Wook Lee, Dong-Sub Lee und Man-Suk Oh erschließt aus den elektrischen Signalen aus der Rinde, ob der Baum gesund oder krank ist. Dabei werden einfach vorhandene Muster von kranken und gesunden Bäumen mit den eintreffenden Signalstrukturen verglichen.

Die Botschaften des Baums würden sie nicht verstehen, räumen die Entwickler ein. Hauptsache Kontrolle. Mich erinnert das einerseits an eine Anekdote, die Lewis Mumford aus seiner Jugendzeit erzählte, als er “Modern Electrics” las und sich immer leistungsfähigere Radiodetektoren bastelte – allerdings ohne sich die Mühe zu machen, das Morsealphabet zu lernen. Andererseits wird jedem SF-vorgebildeten Leser sofort das phantastische Protoplasma aus Stanislaw Lems “Solaris” einfallen, das die unglaublichsten Formen im Kilometergröße herausbildet und ganz offensichtlich auf die Menschen reagiert, die sich seit vielen Jahren in einer Forschungsstation im Orbit aufhalten. Aber niemand versteht, was diese hochdifferenzierten Formen zu sagen haben könnten.

Tree Talk ist als ein System zur Überwachung von Bäumen in Parks gedacht. Hauptsache Kontrolle. Sollen die Bäume doch reden, Free Speech, blabla. Auch in jedem modernen Weinberg sind inzwischen Batterien von Meßfühlern und Zustandsspionen untergebracht. Die Alten wußten noch: Im Wein liegt die Wahrheit. Aber auch das scheint heute nicht mehr zu interessieren. Hauptsache Kontrolle. Auf manchen Weingütern wird, aus Sentimentalität, übrigens noch ein anachronistisches analoges Alarmsystem gepflegt. Dort sind an den Rändern der Weinhänge Rosenstöcke gepflanzt. Schädlinge, die den Wein befallen könnten, befallen zuvor die Rosen. Das ist doch, immerhin, ein schönes Kontrollverfahren – keine rote Lampe und Sirenenklang, sondern ein rotes Verblühen. | (wst)