Die Welt wird wieder runder

Der hohe Ölpreis könnte die Globalisierung umkehren, behaupten zwei Ökonomen. Aber gerne doch.

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Von
  • Niels Boeing

In unserem weit verbreiteten linearen Denken kennt die Geschichte nur eine Richtung: schneller, höher, weiter. Die Globalisierung erscheint da gewissermaßen als ein naturgesetzlicher Endpunkt der Zivilisation, von dem sich nicht umkehren lässt. Oder doch? Diese Frage haben zwei Ökonomen der kanadischen Investmentbank CIBC Worldmarket in einem kurzen Artikel gestellt, der seit einigen Wochen im Netz diskutiert wird.

„In einer Welt der dreistelligen Ölpreise kostet Entfernung Geld. Und während Handelsliberalisierung und technischer Fortschritt die Welt flacher gemacht haben, wird sie durch steigende Transportpreise wieder runder“, schreiben Jeff Rubin und Benjamin Tal.

Öl ist der Stoff, der die Explosion des Welthandels zu einem Güter-Net, in dem Millionen von Containern über den Erdball transportiert werden, angetrieben hat. Im vergangenen Jahr waren es 129 Millionen Standardcontainer, ein Zehntel mehr als im Jahr davor. Solange ein Fass um die 20 Dollar kostete, war der Anteil der Transportkosten an Güterpreisen so niedrig, dass sie selbstverständlich in der Weltregion mit den niedrigsten Arbeitskosten produziert wurden. Doch jetzt beginnen sich die Verhältnisse offenbar zu ändern. Bei einem Fasspreis von 20 Dollar im Jahre 2000 wirkten die Transportkosten wie ein unerheblicher Einfuhrzoll von drei Prozent, so Rubin und Tal. Bei rund 150 Dollar pro Fass sind es nun bereits elf Prozent, und bei 200 Dollar würde die Weltwirtschaft de facto wieder bei Zollbarrieren wie in den sechziger Jahren landen, bevor die Globalisierung in Gang kam.

Erste Folgen sind bereits spürbar, wie Rubin und Tal belegen: Die Stahlimporte aus China in die USA gehen seit vergangenem Herbst zurück – mit einer Rate von 20 Prozent, bezogen auf eine jährliche Basis –, während die Stahlproduktion in den USA seitdem um 10 Prozent angezogen hat. Und der Anteil der chinesischen Exportgüter für die USA, bei denen Frachtkosten nicht unerheblich sind, ist von 52 Prozent im Jahre 2004 auf derzeit 42 Prozent gefallen. Und daran sei eben nicht nur die schwächelnde US-Konjunktur schuld, so Rubin und Tal.

Das sind bislang nur Indizien. Ein Tipping Point von der Globaliserung zu einer Regionalisierung ist sicherlich noch nicht in Sicht. Doch die Ölpreise werden nicht nur vom Nachfrageboom vor allem der Schwellenländer Indien und China befeuert, sondern auch von den Finanzmärkten, der zweiten treibenden Kraft der Globalisierung. Der schwache Dollarkurs und die unsicheren Aussichten, wohin die Weltkonjunktur steuert, machen Spekulationsgeschäfte mit Rohstoffen – darunter auch Öl – für internationale Anleger hochinteressant. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der eine Reduzierung des klimaschädlichen fossilen Treibstoffverbrauchs angemahnt wird, scheint das Weltwirtschaftssystem in einer ganz eigenen Rückkopplung genau dorthin zu steuern.

Darin steckt eine gewaltige Chance: Der hohe Ölpreis beflügelt nicht nur die Suche nach klimaneutralen Energiequellen, sondern auch ein Comeback regionaler Produktion – und damit eine Entwicklung weg von einem fragwürdigen globalen Lohnwettbewerb, der sich nicht um soziale und ökologische Standards schert. In dieser Hinsicht zumindest kann ich mich dem Zukunftsoptimismus von Matthias Horx, der vergangene Woche im Focus die allgemeine Schwarzmalerei geißeln durfte, anschließen. Arbeitsteilung ist eine gute Sache, aber dass ganze Regionen ihr Dasein ausschließlich als Werkbänke und Obstgärten für den Weltmarkt fristen, hat mit einer nachhaltigen Entwicklung wenig zu tun, die ja auch sozial und ökonomisch ausgewogen sein soll.

Vielleicht werden wir in 50, 60 Jahren eine Weltwirtschaft sehen, in der eine vergleichsweise überschaubare Flotte von Wasserstoff-betriebenen Schiffen oder Hightech-Solarseglern Spezialprodukte über die Weltmeere schippert, aber der größte Teil aller Güter regional produziert wird. Vom Chip bis zur Tomate. Dazu muss allerdings eine Ressource globalisiert werden, über die die Produzenten vor allem der Industrieländer eifersüchtig wachen: das technische Know-How. Aber vielleicht überrascht uns das Weltwirtschaftssystem ja auch hier noch mit einer weiteren Pointe. (wst)