Schwitzen fĂĽr den Klimaschutz
Ein klimaschonendes Leben verlangt Opfer, besonders in schwülen Tokioter Sommernächten. Aber ganz ohne Stromverbrauch ist an Schlaf in der Moderne eben nicht zu denken. Ein Einkaufsführer für Hightech-Ventilatoren.
- Martin Kölling
Fünf Uhr morgens. Schweiß gebadet werde ich wach. 29,3 Grad Celsius, 69 Prozent Luftfeuchtigkeit, verrät mir mein Hightech-Wecker. An Einschlafen ist nicht mehr zu denken. Dabei lebe ich schon im Luxus, weil ich trotz zentraler Wohnlage in meiner Tokioter Vorstadt bei offenen Fenster schlafen kann. Irgendetwas mache ich falsch bei meinem Selbstversuch, klimavorbildlich CO2-emissionsarm zu leben.
Dabei hatte ich es mir so schön ausgedacht. Ich lasse die Klimaanlage ausgeschaltet, ersetze die dünne Baumwolldecke durch ein noch dünneres Laken, den Pyjama durch ein kurzes Höschen und ein ärmelloses Unterleibchen und reiße die Fenster auf. Der Durchzug wird mich schon kühlen. Dachte ich. Pustekuchen. Die Betonwände verwandeln die Wohnung in einen Backofen. Da hatten es die alten Japaner mit ihren Häusern aus brettdünnen Holzwänden besser. Die waren im Nu auf Außentemperatur. Auch im Winter zwar, aber mehr anziehen kann man immer, mehr ausziehen kaum noch.
Also vergesse ich meinen Traum vom absoluten Klimaschutz. Schließlich erlaubt das globalisierte Erwerbsleben Geistesarbeitern nicht mehr, im Sommer klimatisch angepasst eine ruhige Kugel zu schieben. Bevor meine Leistungsfähigkeit wegen zu viel Schlafentzug zu sehr zu leiden droht, fasse ich daher den Plan, mir den Nachtschweiß mit einem "Sempuki" wegzublasen. So nennen Japaner in der Höhe einstellbare Standventilatoren mit Schwenkköpfen. Doch das ist gar nicht so einfach, muss ich feststellen, denn die Auswahl an Hightech ist groß.
Schon die billigste Variante im technischen Kaufhaus für 3280 Yen (knapp 20 Euro) verspricht mir, nicht nur zu pusten, sondern die Raumluft auch noch meeresbrisenhaft mit negativ geladenen Ionen aufzuladen. Aber ich traue dem Braten aus vorhergehenden Erfahrungen nicht. Ein früher gekaufter Billigquirl dröhnte schlafmindernd wie eine Propellermaschine und machte einfach zu viel Wind.
Da ist mir doch vielleicht der Propeller von Mitsubishi Electric lieber, der mir nicht nur rhythmisch auf und ab schwellendes Blasen, sondern auch babyweichen Wind verspricht. Das sollten die wohl können, denke ich mir. Schließlich baut das Schwesterunternehmen Mitsubishi Heavy Flugzeuge und Weltraumraketen. Ohne Fernbedienung kostet das Stück 5900 Yen (35 Euro), mit 8900 Yen (53 Euro). Mit 30 Watt Leistung ist es zugleich das sparsamste Modell in der Runde, wenigstens im Dauerbetrieb. Aber der Timer – Ausschalten in ein, zwei oder vier Stunden – das ist dann doch etwas zu simpel, oder?
Vielleicht doch lieber das Gerät von Sanyo? "Mild Wind" steht drauf und ein Temperatursensor ist drin. Damit kann ich die Maschine so einstellen dass sie nur bei mehr als 29 oder 27 Grad Celsius zu wehen beginnt. Das soll bis zu 70 Prozent Strom sparen. Ist auch nötig. Mit 45 Watt ist das Gerät ja sonst auch die reinste Kohlendioxidschleuder. 9800 Yen (60 Euro) soll der Spaß kosten.
Doch halt! Dort steht noch Toshiba. Für 12800 Yen (77 Euro) bietet mir das Gerät zwar keinen Sensor, aber ich kann es so einstellen, dass es sich nach ein oder zwei Stunden aus- und nach weiteren vier Stunden wieder einschaltet. Erst kühlt der Hauch einen in den Schlaf, stoppt dann während der Tiefschlafphase, in der die Seele eher durch das durch Dauerpusten eines Sempuki ausgelöste Frösteln als Schweißergüsse gestört wird, um erst früh morgens die Nässe weg zu hauchen und so das Aufwachen hinauszuzögern.
Daneben wirbt auch noch ein Exemplar damit, dass es die Raumluft durch Aromen beduftet. Und um die Ecke stehen neumodische Turmventilatoren. Die sind in Mode, weil sie erstens weniger Platz benötigen, sich zweitens dank ihrer kastenförmigen Bauweise schöner gestalten lassen und drittens als kindersicherer gelten, weil die Lüftungsschlitze kleiner sind als bei den traditionellen Propellerventilatoren. Bei denen muss man ja immer Angst haben, dass ein Kindchen seine Fingerchen durchs Gitter presst, wo diese – chopchopchop – gekürzt zu werden drohen.
Verstört von soviel Auswahl gehe ich ohne Kauf nach Hause und nehme mir vor, extrem vorbildlich ganz kohlendioxidemissionsfrei zu schlafen. Sechs Uhr morgens, 30 Grad, 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Schweiß gebadet wache ich auf. Nun reichts! Zum Teufel mit der reinen Lehre. Heute kauf ich mir aber einen Sempuki. Aber die Klimaanlage, die lasse ich aus! Versprochen. (wst)