Der nächste Sündenfall?

Biosprit ist nicht gleich Biosprit: Das Experiment einer nicht-fossilen Kraftstoffproduktion ist alles andere als gescheitert.

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Von
  • Niels Boeing

Atomkraft ist für viele der größte Sündenfall der modernen Technik. Dass über Biokraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen inzwischen ähnlich heftig gestritten wird, hätte vor einiger Zeit wohl kaum jemand vermutet.

Die Liste der schlechten Nachricht ist allerdings recht lang geworden: Je mehr Mais als Bioethanol in den Tank geht, desto teurer wird er als Nahrungsmittel; Anbauflächen, deren Erträge zuvor Hunger stillten, löschen zunehmend den Durst vor allem der westlichen Autoflotten; die Stickoxide, die beim Düngen entstehen, treiben die Treibhausgasemissionen, die eigentlich reduziert werden sollten, wieder nach oben; gutes Trinkwasser für den Anbau von Biosprit-Pflanzen zu verwenden, ist alles andere als nachhaltig; und auch die energetische Ausbeute lässt, wie etwa bei Mais und Raps, zu wünschen übrig.

Natürlich ist es schwachsinnig, Nahrungsmittel in Sprit umzuwandeln und dies auch noch zu subventionieren. Aber sollten wir das Biosprit-Experiment deshalb stoppen? Möglicherweise ist chinesischen Forschern ein wichtiger Schritt aus der Sackgasse gelungen. Ausgerechnet Chinesen, die derzeit im Westen für alles und jedes den Sündenbock abgeben und dabei doch nur seinem mehr als fragwürdigen Entwicklungspfad folgen.

Wie der New Scientist berichtet, hat ein Team um Yuan Kou von der Universität Peking und Ning Yan von der ETH Lausanne eher zufällig eine chemische Reaktion gefunden, mit der der Holzbestandteil Lignin in kurze Kohlenwasserstoff-Stücke aufgespalten werden kann. Lignin macht etwa 30 Prozent der nicht-fossilen organischen Verbindungen auf der Erde aus. Bei Temperaturen um 250 bis 300 Grad und hohen Drücken brechen im Lignin die Kohlenstoff-Sauerstoff-Bindungen zwischen den molekularen Bausteinen auf, wenn zusätzlich ein Kohlenstoff-Platin-Katalysator und ein Zusatzstoff wie Dioxan vorhanden sind. Die dabei entstehenden Bruchstücke lassen sich anschließend zu längeren Kohlenwasserstoffketten – so genannten Alkanen – zusammenfügen, aus denen Benzin, Diesel oder Methanol hergestellt werden kann. Laut Yan ist es das erste Verfahren, mit dem Alkane direkt aus Lignin hergestellt werden können.

Ob es wirtschaftlich nutzbar ist, muss sich noch zeigen, und eine Emissionsbilanz gibt es natürlich noch nicht. Zumindest stehen Holzabfälle nirgendwo auf dem Speiseplan, fallen aber überall reichlich an.

Sicher wäre auch das nur eine von mehreren Übergangslösungen für das globale Treibstoffproblem, das uns ins Haus steht. Aber nachdem die Debatte sich so zugespitzt hat, ist eine Differenzierung dringend nötig: Biosprit ist eben nicht gleich Biosprit.

Zellulose, die etwa 33 Prozent der nicht-fossilen organischen Verbindungen ausmacht (Massenanteil in Holz: rund 50 Prozent), ist ein weiterer Kandidat. In den USA hat die Firma Verenium kürzlich eine Anlage in Betrieb genommen, die erstmals im großen Stil die Zellulose aus Zuckerrohrabfällen zu Treibstoff machen soll (Technology Review berichtete).

Eine nicht essbare Pflanze, auf die vor allem in Afrika und Asien große Hoffnungen gesetzt werden, ist die äußerst genügsame Jatropha, deren Samen nicht essbar sind. Sie benötigt nur ein Zehntel der Wassermenge, die die ebenfalls als Kraftstoffquelle verwertete Ölpalme braucht, gedeiht auf kargen Böden und liefert ein vergleichsweise hochwertiges Öl, aus dem Biodiesel hergestellt werden kann. Eine kürzlich veröffentlichte Studie für den WWF hat darüberhinaus festgestellt, dass der Anbau von Jatropha (bislang) nicht auf Kosten von Nahrungsmitteln geht: Nur 1,2 Prozent der untersuchten Anbauflächen wurden vorher für Kulturpflanzen genutzt. Laut der Studie könnte die weltweite Anbaufläche von derzeit knapp 1 Million Hektar bis 2015 auf fast 13 Millionen Hektar anwachsen.

Biosprit, der aus wirklich geeigneter Biomasse hergestellt wird, kann nach wie vor einen Beitrag zu einer nicht-fossilen, dezentralen Kraftstoffproduktion leisten, die CO2-Emissionen einspart. "Alles oder nichts" – darum kann es nicht gehen, wie auch diese Bestandsaufnahme zeigt. Es kommt jetzt darauf an, Lösungen zu finden, die jeweils auf die geographischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse zugeschnitten sind. Pauschales Biosprit-Bashing bringt vielleicht kurzfristig Punktgewinne in der hiesigen Aufmerksamkeitsökonomie, hilft aber gerade den Ländern des Südens kaum. (wst)