Fenster gegen Äpfel

Das iPhone ist endlich in Japan angekommen. Doch die Konkurrenz ist hier ziemlich hart. Kann Apple zum Beispiel das Willcom 03 schlagen, das vielleicht am weitesten entwickelte Windows-Handy der Welt?

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Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Martin Kölling

Der Verkäufer hatte mich gewarnt. "Wollen Sie nicht lieber warten, bis das iPhone nächste Woche kommt?", hatte er mich gefragt. Wollte ich nicht. Denn mein Netzbetreiber Willcom hatte just an diesem 11. Juli das "Transformed Willcom 03" auf den Markt gebracht, eines der am höchsten entwickelten Windows Mobile-Handys der Welt, wenn nicht sogar das Topmodell. Und das von Sharp hergestellte Gerät überzeugte mich, ohne dass ich das neue iPhone 3G je in der Hand hatte.

Ok, ok, ich gestehe. Die Hürde war hoch, denn für einen Wechsel zum iPhone hätte ich eine neue Nummer beantragen müssen, da die Nummernmitnahmeregelung nur für die drei wirklichen 3G-Netze funktioniert, nicht jedoch für das auf dem langsameren PHS-Standard basierende Willcom-Gebiet. Außerdem besaß ich bis dahin die 50 Gramm schwerere und mit allerlei Bugs programmierte Großelterngeneration ES. Das neue Gerät (Kaufpreis 600 Dollar oder zwei Jahresmieten für je 300 Dollar) spuckt große Töne und hat mir bereits viele Ohs und Ahs eingebracht.

Mit fünf Zentimetern Breite und elf Zentimetern Höhe wirkt es kleiner als der Hype aus dem Apfelland, wiegt ungefähr genauso wenig, telefoniert ungefähr genauso lang, ist mit WLAN, Infrarot- und Bluetooth-Anbindung versehen und hat auch einen Touchscreen – und darüber hinaus drei Dinge, die das iPhone nicht bietet: eine ausschiebbare Tastatur, einen Tuner für den Empfang von terrestrischem Digitalfernsehen und eine so geringe Sendeleistung, dass es sogar in Krankenhäusern verwendet werden darf. Neugierig war ich dennoch, wie sich beide Handys im Praxistest bewähren, auch auf die Gefahr hin, mich über einen Fehlkauf zu grämen.

Beginnen wir mit dem Touchscreen. In meinen Augen ein Unentschieden. Beide Modelle erlauben fast die gleichen Funktionen wie das Scrollen durch Gleiten des Fingers über die Seiten. Dabei greifen beide auf das für Maus-Navigatoren ungewohnte Konzept zurück, dass man nicht auf einen Pfeil nach unten klickt, um nach unten zu scrollen. Stattdessen hält man die Seite gedrückt und schiebt sie nach oben weg um nach unten oder nach rechts um nach links zu gleiten. Außerdem lässt sich die Anzeige auf dem Bildschirm durch einfaches Doppelklicken vergrößern. Das Apple-Gerät lässt sich auch mit mehreren Fingern bedienen, doch dieses Feature ist bei einem Handy meiner japanischen Erfahrung nach von beschränktem Wert. Schließlich bediene ich mein Gerät meist mit einer Hand, während die andere entweder mein Aktentäschchen oder den Haltegriff in der vollgestopften U-Bahn hält.

Nächster Punkt: Die Bedienoberfläche und Bedienung. Oh, da fällt mir die Entscheidung schwerer. Letztlich muss ich gestehen, dass Apple mir etwas besser gefällt. Denn das Interface wirkt wie aus einem Guss. Die einzelnen, für mich wesentlichen Funktionen, sei es Musikplayer, E-Mail oder Adressbuch öffnen nett, die Anzeige ist klar, groß und damit gut lesbar. Neue Gimmicks sind leicht zuladbar. Dennoch ist der Vorteil kleiner als das Windows-Betriebssystem meines Handys vermuten lassen sollte. Das liegt allerdings nicht daran, dass Microsoft plötzlich benutzerfreundlich geworden wäre. Vielmehr hat Sharp das Softwarehaus Yappa angeheuert, das etwas verblüffend Feines aus dem fieseligen Windows Mobile gezaubert hat.

Mein Handy hat zwei Displays, ein großes und ein kleines. Auf dem kleinen kann ich wahlweise die Wähltasten oder ein vereinfachtes Bedienmenü einblenden. Wenn ich die "Tasten" drücke, gibt das Gerät ein Feedback, in dem es kurz vibriert. So etwas vermisse ich beim iPhone. Auf dem vereinfachten Standardmenü gibt es den Knopf "Menü". Wenn ich den drücke, poppt die von Yappa entwickelte Bedienoberfläche aus großen, auch im Einhandbetrieb leicht bedienbaren Tasten auf.

Es gibt vier rechteckige Tasten für "Mail", "Internet", "Life Tools" und die so genannte "Data Box". Rechts daneben sind annähernd quadratische Kästchen mit den Unterfunktionen. Bei Mail tauchen "Mail abrufen", die diversen Mailboxen und "Mail erstellen" auf. Bei "Internet" werden verschiedene Dienste wie Google, das Social-Networking-Dienst Mixi oder das Menü des Handynetzbetreibers geöffnet; bei "Life Tools" ist es der Schnellzuggriff auf den Alarm, Aufgabenlisten, Text- und Ton-Nachrichten sowie Visitenkartenleser- und Textscanner für Japanisch und Englisch (beides ist sehr praktisch). Bei "Data Box" sind es dann noch die verschiedenen Verzeichnisse und die Suche. Mit einem Druck auf einen immer sichtbaren Knopf kann ich zudem in der Spalte die 2-Megapixel-Kamera, die Navigation, Wörterbücher, Kalender oder Taschenrechner ansteuern.

Ein anderer Kopf ermöglicht mir den Zugriff auf die Einstellungen. Es sieht zwar wie auf Windows Mobile aufgesetzt aus, ist aber ähnlich praktisch wie das iPhone-Hauptmenü. Das Startmenü auf dem Hauptbildschirm zeigt mir im übrigen in groß die Uhrzeit, das Wetter plus Nachrichten und Notizen, in Klein verpasste Anrufe, Email-Eingänge und die geöffneten Programme an. Aber mit Fingerspitzengefühl durch Fotosammlungen gleiten und Bilder einfach vergrößern schafft Windows Mobile leider nicht.

Auch das drehen des Bildes um 90 Grad löst Apple eleganter. Das iPhone passt die Ausrichtung dank einem Bewegungssensor automatisch an, beim 03 muss ich entweder die Tastatur herausschieben oder einen kleinen Knopf an der Seite des Geräts drücken. Die Tastatur mit ihren Druckpunkten bevorzuge ich dann wieder gegenüber Apples Bildschirmtasten. Fahrspiele machen wiederum mehr Spass auf dem iPhone, weil ich mein Gefährt dank des Bewegungssensor steuern kann, in dem ich das iPhone bewege wie ein Lenkrad.

Bleibt das Thema Stabilität. Das iPhone bleibt offenbar doch ein bisschen häufiger stecken als mein 03, so scheint es. Schon beim Start von Apples Flaggschiff am 11. Juli zeigte das Handy im Fernsehen seinen Hang zum Schluckauf. Als der Moderator in einem TV-Sender das neue Handy vorstellen sollte und auf eines der Symbole drückte, geschah nichts. Eingefroren. Ein Technikfreak aus meiner Bekanntschaft klagt auch über häufige Abstürze seines Neuerwerbs.

Mein persönliches Fazit: Apple hat mit seinem eigenen Betriebssystem die Nase – von Abstürzen einmal abgesehen – vorn und kann im Gegensatz zu meinem Willcom-Handy auch international eingesetzt werden. Es hat das Zeug dazu, als erstes ausländisches Telefon den insularen japanischen Markt aufzubrechen, der bisher fast ausschließlich von rund einem Dutzend japanischer Handy-Hersteller beherrscht wird.

Aber es gibt mehrere große "Aber". Erstens hat das iPhone nicht nur keinen Digital-TV-Empfang, was ja vielleicht verschmerzbar wäre, aber es weist noch nicht einmal eine Öse für die in Japan beliebten Handy-Straps auf, jene Kordeln, mit denen man sein Handy hält. (Wird dieses analoge Detail vielleicht zum Stolperstein des Digitalprodukts?) Zweitens holen die anderen Firmen mit Sieben-Meilen-Stiefeln bei der Bedienung auf.

Die Gewinner sind aber in jedem Fall wir Kunden. Denn die eigentlich Botschaft von Apples iPhone lautet: Die Technik ist jetzt so komplex und hochentwickelt, dass Ingenieure die Bedienung von Elektronik endlich immer stärker vereinfachen können – und sogar müssen. (wst)