KĂĽstenkommunikation
Über geheimnisvolle Entfernungen in der Werbung - und weshalb Eleganz auch im Urlaub unerlässlich ist.
- Peter Glaser
Am Meer. Es ist so heiß, dass die Palmen an der Promenade nach den Hunden pfeifen und das Wasser erschöpft in den Strandsand fällt. Sommer ist Hauptsatzzeit, Nebensätze sind zu anstrengend. Wie Atmen in achttausend Meter Höhe, Gehirn verdampft. Herrlich also. Urlaub.
Nicht ganz. Ich habe zwei Annehmlichkeiten ausgekundschaftet, die schnell in Arbyte ĂĽbergehen: Ein StĂĽck Schatten unter einem Segel neben dem Strandcafe. Und ein kleines WLAN. Der Laptop, der unter Vollast gern heiĂź wird, ist in der kĂĽhleren Jahreszeit eine VerheiĂźung auf den Sommer. Nun harmoniert es mit der Umwelt.
Dummerweise fühlt sich der Umgang mit meiner Lieblingsmaschine, so sehr er auch Plackerei sein mag, immer schon ein bisschen wie Urlaub an. Wanderung zwischen den Liegestuhlreihen, Am Raster ausrichten. In einer über den Strand trötenden Radiosendung macht sich ein Sprecher über die vokalreduzierten SMS-Kürzel lustig, die für Italiener eine Mischung aus Alptraum und Aberwitz sind ("prnt" statt "pronto") und mich an die Zeit erinnert, als Dateinamen endlich länger als 8 Zeichen plus Extension sein durften.
Ein paar LiegestĂĽhle weiter kĂĽmmert sich ein junger Vater um seine fĂĽnf Jahre alte Tochter. Er schenkt ihr seine ganze Aufmerksamkeit, folgt ihrer Neugierde und zeigt ihr den nassen Sand, in dem kleine Muscheln liegen. Die Shell. Konsole mio...
Dann klingelt sein Mobiltelefon und er beginnt einem Arbeitskollegen zu erklären, wie er an eine bestimmte Datei kommt, und während er geduldig erläutert, spielt er liebevoll weiter mit seinem Töchterchen, ohne auch nur ein Atom an Aufmerksamkeit dahinzugeben. Mein Italienisch ist mangelhaft, aber ich weiß, dass ich einen Mac-User vor mir habe. Nicht dass PC-Besitzer schlechtere Väter wären, aber da ist etwas. Eine unpretentiöse Eleganz, mit einfachen Dingen umzugehen.
Es gibt sehr subtile Formen der Beeinflussung. Eine Frau, die ein Werbeplakat mit einem schönen Model und hübschen Sachen sieht, wird nicht einfach nur versuchen, so auszusehen wie das Model oder dieselben Dinge zu besitzen. Das ist der offensichtliche Effekt. Darunter liegt eine zweite Schicht, die feiner wirkt. So wird zum Beispiel unbewusst auch die Entfernung registriert, aus der das ganze schön aussieht. Nicht nur die Kleider und Posen von den Plakaten werden eingehalten, sondern auch die Entfernungen, aus denen sie schön aussehen.
Der junge Vater hat sein Mobiltelefon zugeklappt. "Wer war's?", fragt seine Frau aus dem Leinental eines Liegestuhls. "Na wer wohl?"
Irre Hitze. Stelle ein groĂźes Glas Fanta auf den Rechner vor mir, um ihn zu kĂĽhlen und suche Schutz im Funkschatten des kleinen WLAN. Schwapp, sagt das Meer und macht eine runde Ecke. (wst)