Schweigepflicht fĂĽr Journalisten?

Stammzellforscher Hans Schöler fordert bei Konferenzen eine Geheimhaltungsklausel für Journalisten. Er gibt damit den Druck der Fachjournale weiter.

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  • Veronika Szentpetery-Kessler

Eigentlich ist es erstaunlich, dass es nicht schon früher gekracht hat. Auf Konferenzen werden ja häufig neue, noch nicht veröffentlichte Ergebnisse präsentiert, aber erst jetzt machte ein Forscher seinem Unmut über die Praxis, dass Journalisten darüber auch berichten, öffentlichkeitswirksam Luft.

Was passiert ist? Der Direktor des Max-Planck-Institutes für molekulare Biomedizin hatte Anfang Juli auf einem Kongress in Dresden noch nicht veröffentlichte Ergebnisse präsentiert, die Fachwelt wie anwesende Journalisten gleichermaßen aufhorchen ließen: Wie Joachim Müller-Jung am 10. Juli in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb, ist es Schölers Gruppe gelungen, Zellen aus dem Hoden von erwachsenen Mäusen allein durch bestimmte chemische Cocktails zu pluripotenten (also uneingeschränkt wandlungsfähigen) Stammzellen umzuprogrammieren. Das wäre in der Tat eine bahnbrechende Entdeckung, denn bisher ist die Umwandlung zum einen nur mit Hilfe von Genen möglich, von denen einige im Verdacht stehen, Krebs auszulösen.

Müller-Jung zitierte Schöler allerdings nicht nur mit der Aussage, dass die ethisch unproblematische Gewinnung von Stammzellen aus Hodengewebe seiner Gruppe als erster gelungen sei. Er berichtete auch über die Aussage des Stammzellforschers, dass die pluripotenten Stammzellen, die Göttinger Forscher Forscher um Gerd Hasenfuss und Wolfgang Engel bereits vor zwei Jahren aus Spermien-Stammzellen gewonnen hatten, nicht uneingeschränkt wandelbar gewesen seien. Die Göttinger wehrten sich vehement in der Süddeutschen Zeitung und stellten ihrerseits Schölers Ergebnisse in Frage.

Der Stammzellforscher aus Münster wiederum fühlte sich nach Angaben von Spiegel Online nicht nur falsch wiedergegeben sondern verlautbarte auch, über die Göttinger Versuche nur im informellen Rahmen am Mittagstisch gesprochen zu haben. Das aber bestritt der FAZ-Redakteur Joachim Müller-Jung gegenüber den Spiegel-Kollegen, er habe ein Interview vereinbart und Schöler klar auf seine Absicht hingewiesen, er sei zum Berichten nach Dresden gekommen.

Wenige Tage später brach Schöler auf dem Internationalen Kongress für Genetik in Berlin seinen Vortrag just an der Stelle ab, an der er zu den Details seiner neuen Ergebnisse kam – mit der Begründung, es seien Journalisten im Raum, die über die noch unveröffentlichten Ergebnisse berichten könnten. Künftig werde er auf Konferenzen nur noch dann solche Daten präsentieren, wenn die teilnehmenden Journalisten vorher eine Erklärung unterschreiben, über die Ergebnisse nicht zu schreiben.

Diese Regelung soll nicht für alle sondern nur für ausgewählte Tagungen gelten: Bei vertraulichen Meetings könnten auch „nicht eindeutig gesicherte Ergebnisse“ vorgetragen werden, wie Schöler in einem Gastbeitrag in der FAZ schreibt. Offene Tagungen wären hingegen eine Plattform für Daten, die von Experten bereits geprüft wurden. Damit sollen die Öffentlichkeit vor übertriebener Hoffnungsmache geschützt werden.

Einmal ganz abgesehen von der Frage, wo die Linie zwischen öffentlichen und vertraulichen wissenschaftlichen Treffen gezogen werden sollte, stellen sich für mich folgende Fragen und Einwände:

- Im Peer-review-System der Fachjournale wir Nature und Science wird nur die Nachvollziehbarkeit und Schlüssigkeit der Versuche und der Ergebnisse geprüft. Publizierte Arbeiten sind also nach wie vor nicht experimentell überprüft und bestätigt.

- Wissenschaftler fahren auf Konferenzen, um den neuesten Stand der Forschung zu erfahren und nicht, um ausschließlich bereits Veröffentlichtes zu hören, sagte mir ein anderer Stammzellforscher kürzlich. Wer würde also noch die öffentlichen Tagungen besuchen?

- Das Argument, Journalisten wecken mit verfrühten Berichten über vermeintliche Durchbrüche falsche Hoffnungen, gilt genau so für bereits publizierte Ergebnisse. Tatsächlich sollte nach jegliche Berichterstattung fachlich richtig und vor allem sachlich sein. Dazu gehört auch die Angabe, dass die betreffende Methode erst in vielen Jahren eine Heilung der Krankheit X ermöglichen könnte. Mir begegnen übrigens auch von Forscherseite immer mal wieder allzu optimistisch erscheinende Prognosen.

- Warum schadet es eigentlich, wenn man über Hypothesen schreibt, so lange das von den Journalisten klar kommuniziert wird? Oder darüber, dass das Ergebnis A ein Hinweis darauf ist, wie die Krankheit B eines Tages geheilt werden könnte? Oder dass in der wissenschaftlichen Gemeinde über Fakt C und D noch kein Konsens herrscht. Das schmälert nicht das Ansehen der Forscher, sondern spiegelt den wissenschaftlichen Alltag wieder, in dem oft mit nicht endgültigen Erklärungsmodellen gearbeitet wird.

- Tatsächlich gibt es in den USA bereits solche Veranstaltungen mit Vertraulichkeitsklauseln. Diese gelten allerdings nicht nur für die Journalisten sondern auch für alle Wissenschaftler, damit auch der Ideenklau unterbunden wird. Vielleicht habe ich es übersehen, aber ich lese aus Professor Schölers FAZ-Artikel nicht heraus, dass er auch die Fachkollegen zum Unterschreiben der Klausel verpflichten möchte.

Doch hinter dem Vorschlag stecken meiner Meinung nach zwei grundlegende Probleme. Das erste ist der Druck der Fachjournale, neue Ergebnisse nur exklusiv zu veröffentlichen. Forscher, deren Daten schon in der Tagespresse behandelt wurden, reichen die Ergebnisse in der Regel vergeblich ein. Diese Praxis ist allerdings zumindest zu hinterfragen: Erstens gab es bereits wiederholt Beispiele dafür, dass verschiedene Aspekte der gleichen Forschungsarbeit fast parallel in verschiedene Fachjournalen veröffentlicht wurden. Das Ansehen und die Qualität von Nature & Co. müsste nicht darunter leiden, wenn zum Beispiel neue Verfahren, die bereits auf einer Konferenz und vielleicht in der einen oder anderen Zeitung stand, noch mal mit allen fachlichen Details bei ihnen nachzulesen ist. Das zweite Problem ist, dass in diesem Fall Kritik zwischen Forschern in die Medien gelangte und Schöler die Aufregung der vergrätzten Kollegen postwendend in aller medialen Öffentlichkeit zu spüren bekam.

Was spricht eigentlich dagegen, dass Forscher bei Konferenzen – ebenso wie sie es bei telefonischen Recherchegesprächen oder Interviews auch tun – an bestimmten Stellen sagen, dies ist jetzt bitte nicht nach außen zu tragen? Wenn sie finden, dass Kollegen mit ihren Experimenten noch nicht treffsicher genug waren, gehört das natürlich auch zur Diskussion auf einer Konferenz – aber wenn man es belegen zu können meint, sollte man auch dazu stehen. Wie gesagt, durch solche Diskurse kommt die Wissenschaft auch weiter. Ich glaube jedenfalls nicht, dass Geheimhaltungsklauseln helfen würden. Was meinen Sie? (wst)