Der Schatten des 20. Jahrhunderts

63 Jahre nach dem US-amerikanischen Atombombenabwurf auf Hiroshima und 18 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges mit seinem atomaren WettrĂĽsten sind Nuklearwaffen noch immer nicht Geschichte. Im Gegenteil.

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Von
  • Niels Boeing

63 Jahre nach dem US-amerikanischen Atombombenabwurf auf Hiroshima und 18 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges mit seinem atomaren Wettrüsten sind Nuklearwaffen noch immer nicht Geschichte. Im Gegenteil: Das diplomatische Gezerre um das vermutete Bombenprogramm des Iran zeigt, dass der Schatten des 20. Jahrhunderts wieder länger wird.

Der Iran pocht auf sein Recht aus dem 1970 in Kraft getretenen und von ihm im selben Jahr ratifizierten Atomwaffensperrvertrag, Kernenergie zumindest friedlich nutzen zu dürfen. Dazu gehört auch die Anreicherung des Brennstoffs Uran-235, zum Beispiel mittels Gaszentrifugen, von 0,7 Prozent in Natururan auf drei bis vier Prozent in Uran-Brennelementen, wie sie für heutige Reaktoren nötig sind.

Genau diese Anreicherung will der Westen dem Iran nicht zugestehen – weil mit den entsprechenden technischen Anlagen auch hochangereichertes Uran (Uran-235-Gehalt über 20 Prozent) hergestellt werden könnte, das für Atombomben nutzbar ist. 25 Kilogramm gelten für einen Sprengkopf als ausreichend.

Nicht mehr zugestehen, muss man allerdings sagen: Bis zur Islamischen Revolution von 1979 unterstützten die USA, Frankreich und die Bundesrepublik den damaligen Schah nach Kräften, die einst so fortschrittliche Technologie im Iran zu etablieren. Die Wirren der Revolution und der erste Golfkrieg (1980 – 1988) ließen das Projekt erst einmal unvollendet.

Ob der Iran von heute ein Atombombenprogramm verfolgt, ist heftig umstritten. Doch selbst wenn er es nicht täte, wie 16 US-Geheimdienste erst im vergangenen Dezember erklärten, das Problem bliebe: Die zivile Nutzung der Kernenergie bietet immer auch die Möglichkeit einer militärischen. Außer den USA und der Sowjetunion haben übrigens auch alle heutigen Atommächte zivil angefangen. Hinzu kommt ein blühender internationaler Schwarzmarkt für nukleares Knowhow und Material. Der ehemalige UN-Waffeninspekteur Scott Ritter hat die Lage vor ein paar Tagen in drastischen Worten zusammengefasst: "Es gibt keinen Ort auf der Erde, der nicht sieben bis acht Jahre vom Bau einer Atombombe entfernt wäre."

Da nimmt sich die im Namen des Klimaschutzes propagierte „Renaissance“ der Atomkraft doch ziemlich verwegen aus. Dass selbst sichere Staaten umfallen könnten, wenn sich die politische Großwetterlage ändert, hat bereits 2003 die MIT-Studie "The Future of Nuclear Power" an die Wand gemalt: „Japan, Südkorea und Taiwan haben fortschrittliche kerntechnische Infrastrukturen und könnten sich in den nächsten Jahrzehnten angesichts des Aufstiegs Chinas als Atommächte positionieren...“ (Kap. 8 der Studie) Südostasien sahen die Autoren ebenfalls als unsicheren Kantonisten: Zwar ist die Technik dort noch nicht weit entwickelt, aber Thailand, Vietnam, Indonesien und die Philippinen gelten als „wahrscheinliche Kandidaten für Atomkraft im globalen Wachstumsszenario“.

Je größer der weltweite AKW-Park wird, desto stärker wird die Wiederaufbereitung verbrauchter Brennstäbe in den Vordergrund rücken. Nur so kann das Problem gelöst werden, dass für deutlich mehr Reaktoren die bekannten Uranreserven nur noch 40 bis 50 Jahre reichen. Bei der Wiederaufbereitung wird Plutonium-239 gewonnen – neben Uran-235 das zweite Spaltmaterial für Atombomben. Zusammen mit Uran lässt es sich in Mischoxid-Brennelementen (MOX) wieder nutzen und streckt so die Brennstoff-Vorräte beträchtlich. Den derzeitigen Sicherheitsmechanismen gegen eine Abzweigung und Weiterverbreitung von Plutonium vertrauten die MIT-Autoren allerdings nicht. Brennstoffkreisläufe, die auf der MOX-Wiederaufbereitung aufbauen, seien deshalb in Nicht-Atomstaaten ein „besonderes Risiko“.

Doch selbst wenn sich langfristig die „Renaissance“ der Atomkraft als Strohfeuer entpuppt und Erneuerbare Energie das Rennen machen, ist das noch kein Grund zur Entwarnung. Nicht-Atomstaaten mit ziviler Nutzung könnten kurz vor dem Ausstieg versucht sein, die Restbestände in ein atomares Abschreckungspotenzial zu verwandeln – für alle Fälle. „Die bittere Ironie der Atomgeschichte könnte eines Tages darin bestehen, dass sich die Wunschvorstellung der 50er Jahre – nein zu Atomwaffen, aber ja zur ‚friedlichen Nutzung’ – genau ins Gegenteil verkehrt: immer weniger Atomkraftwerke, dafür aber mehr atomar gerüstete Staaten als heute“, schrieb Deutschlands Solarverfechter Nr. 1 Hermann Scheer vor drei Jahren. Der Schatten des 20. Jahrhunderts wird uns noch lange begleiten. (wst)