Chinas 70-Jahresplan

Hat Deng Xiao Ping 1976 vielleicht die "Foundation-Trilogie" von Asimov gelesen? Vielleicht berät er das Politbüro noch immer.

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Von
  • Niels Boeing

Alle Achtung: Mit der Olympia-Eröffnungsfeier am vergangenen Freitag hat China der Welt einmal mehr gezeigt, wo der Hammer hängt. Nach dem Feuerwerksrausch über dem "Vogelnest" möchte ich unser dürftiges Geböller im Hamburger Hafen eigentlich nie wieder sehen. Auch sonst nur Superlative: das rasanteste Wirtschaftswachstum, die meisten Arbeitsmigranten, die tollste Smog-Glocke über einer Millionenstadt, die meisten Kohlekraftwerke, die am schnellsten steigenden CO2-Emissionen (inzwischen ein Viertel der globalen) und und und...

Vielen wird schwindlig bei der Frage, wie das chinesische Wirtschaftswunder weitergeht. Längst ist China im Westen zum Synonym für "Bedrohung" geworden. Der Westen rauft sich die Haare, weil das Reich der Mitte seinen Entwicklungsweg ohne Kompromisse im Zeitraffer kopiert. Und fragt sich bange, wann dem Politbüro und damit auch uns das Land um die Ohren fliegt.

Vielleicht unterschätzen wir die chinesische Führung. Vor einiger Zeit schon habe ich mich gefragt: Hat Deng Xiao Ping, der Architekt des chinesischen Aufstiegs, womöglich im Sommer 1976, als er vom greisen Mao erneut kaltgestellt worden war, Isaac Asimovs "Foundation-Trilogie" gelesen?

FĂĽr die, die diesen groĂźen SF-Roman nicht kennen: In ihm entwickelt der Mathematiker Hari Seldon einen Plan, wie nach dem bevorstehenden Zusammenbruch des Galaktischen Imperiums die Zeit der Anarchie und die Wiederherstellung der Zivilisation von errechneten 30.000 auf 1000 Jahre verkĂĽrzt werden kann. Nach seinem Ableben erscheint Seldon den Politikern des Techniker-Planeten "Foundation", die diesen Plan umsetzen sollen, alle paar Jahrzehnte als Holografie-Aufzeichnung und gibt ihnen Hinweise, was sie zum jeweiligen Zeitpunkt tun sollten. Denn Seldon hat die groĂźen Entwicklungen nach den Gesetzen der von ihm begrĂĽndeten Psychohistorik vorausberechnet.

1. Oktober 2007: Das chinesische Politbüro versammelt sich in einem geheimen Raum. Ein Film startet und der 1997 verstorbene Deng Xiao Ping erscheint auf der Leinwand. "Nach meinen Berechnungen müssten eure Wirtschaftsdaten glänzend sein. Gut so! Die anderen zittern wieder vor uns. Aber ihr habt dennoch ein großes Problem: die Umwelt. Jetzt ist der Zeitpunkt, um radikal umzusteuern." Staats- und Parteichef Hu Jintao verkündet zwei Wochen später auf dem 17. Parteikongress der KPCh, dass der Umweltschutz fortan neben sozialer Gerechtigkeit höchste Priorität habe.

Ein Witz? Tatsächlich hat Deng in den frühen Achtzigern einen 70-Jahres-Plan aufgestellt, der aus den "Drei Schritten" bestand: - 1980 bis 1990: Verdopplung des Bruttoinlandsprodukts; - 1990 bis 2000: Weitere Verdopplung des BIP und spürbar mehr Wohlstand für die Bevölkerung; - bis 2050: Die Modernisierung wird abgeschlossen.

Eine Modernisierung ohne Nachhaltigkeit ist aber keine. Das konnte eigentlich auch Deng damals klar sein. Und während man sich hier vor dem Umweltmonster China gruselt, hat dieses seine grüne Welle längst angeschoben, wie eine aktuelle Bestandsaufnahme der "Climate Group" zeigt. Die wichtigsten Ergebnisse: – China ist – nach absoluten – Zahlen nicht nur der größte CO2-Emittent der, sondern hat auch die größte installierte Kapazität an Erneuerbaren Energien. – In absoluten Zahlen investiert China nach Deutschland bereits am meisten in Erneuerbare Energie: 12 Milliarden Dollar waren es 2007 (Deutschland: 14 Milliarden). – China wird im nächsten Jahr erstmals der größte Hersteller von Solarmodulen und Windrädern sein. – China führt gerade Standards für Kraftstoffeffizienz ein, die 40 Prozent höher als die USA sind. – China hat bereits für die 1000 größten Unternehmen, die ein Drittel der chinesischen Energie verbrauchen, höhere Standards für mehr Energieeffizienz eingeführt, die ausgeweitet werden sollen.

Vielleicht sollte die westliche Öffentlichkeit etwas mehr Vertrauen in die Weitsicht der chinesischen Politelite haben. Deren autoritäre Staatsführung mag uns zwar zutiefst unsympathisch sein – aber einen 70-Jahresplan setzt man nicht um, wenn alle vier Jahre anderes Personal an die Macht kommen kann. Wer weiß, was Deng den Genossen raten wird, wenn er das nächste Mal erscheint. Und hoffen wir, dass ihnen kein Fuchs einen Strich durch die Rechnung machen wird. (wst)