Die Antwortgeber
Die Idee des Roboters ist ziemlich alt. Etwa 3.500 Jahre, um genau zu sein.
- Peter Glaser
Seit langem steht neben meinem Rechner eine kleine Mumie aus Steingut. Es ist die Nachbildung einer Grabbeigabe für Iwi, einen Priester des Amun, aus der Zeit nach dem Ende des altägyptischen Mittleren Reichs. Die Haarmasse unter dem stilisierten Kopftuch wirkt ausladend wie ein Astronautenhelm (sorry – no chance, Mr. Däniken), das Gesicht glänzt goldbemalt und in edler Ruhe, und die Bartperücke weist vom Kinn abwärts wie ein Zeiger auf eine Kolumne von Hieroglyphen, die von der Brust bis zu den Füßen der Figur eingeritzt sind.
Man sah den Tod zu dieser Zeit als einen Übergang in das Land im Westen. Auch dort musste man, wie in der diesseitigen Welt, tätig werden, um zu bekommen, wonach einem war. Um etwas zu Essen zu kriegen, mussten also zum Beispiel auch zuerst Felder bestellt und später musste geerntet werden. Da die Aristokratie schon damals praktisch veranlagt war, man könnte auch sagen: zur Bequemlichkeit neigte, fertigte man für diese Arbeiten Stellvertreter an – kleine Figuren, die ihren Besitzern im Jenseits alles Anstrengende abnehmen sollten. Es waren die Uschebtis, die Antwortgeber. Seit ich mich mal vertippt habe, heißt die Figur neben mir Uschebit.
Die Uschebtis kamen vor etwa 3.500 Jahren in Mode. Pharaonen hatten damals in Ihren Grabstätten manchmal über 1000 Uschebtis; bis zu 400 der Helfer – einschließlich der zugehörigen Aufseher – fanden sich in den Gräbern hoher Beamten. Hier erscheint zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Idee des Roboters. Die Instruktionen, mit denen die kleinen Figuren beschriftet sind, gleichen frappierend den Anweisungen eines modernen Computerprogramms:
Magische Puppe, hör mich an!
Wenn ich gerufen werde
Die Arbeit auszufĂĽhren...
Wisse, du bist an meiner Statt
Von den Duat-HĂĽtern verurteilt
Die Felder zu besäen
Die Kanäle mit Wasser zu füllen
Den Sand herĂĽber zu schaffen...
Am Ende heiĂźt es:
Hier bin ich und höre auf Deine Befehle.
Am Rechner nennt man das "dialogorientierte BenutzerfĂĽhrung".
Die Technik, mit der sich die Menschen in den alten Kulturen den Tiefen der Wirklichkeit anzunähern versuchten, heißt Magie. Sie zaubert. Man erzeugt Regen auf magische Weise, indem man ihn imitiert, ihn tanzt. Man sichert die Fruchtbarkeit des Bodens, indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsakts bietet. Auf dieselbe Art sorgen wir nun im digitalen Zeitalter dafür, dass der menschliche Geist wächst und grünt. Wir versuchen, seine Phänomene in Rechnern und Kommunikationsnetzen nachzubilden. Wir lernen eine Sache richtig kennen, wenn wir sie von innen sehen. In Neuguinea streifen sich Urwaldbewohner mit Blumenröcken und Federhüten während ihrer traditionellen Tänze symbolisch den Dschungel über.
Wir Leute vom Stamm der technisch Zivilisierten wickeln uns in Information und Wissen ein und tanzen ebenfalls. (wst)