Wir sind Borg. Wir sind Olympia.
Die Olympischen Spiele waren immer schon eine anthropologische Leistungsschau. Das Gejammer über vermutete Doping-Rekorde in Peking geht voll an der Realität vorbei.
- Niels Boeing
Die Olympischen Spiele in Peking sind abgepfiffen, aber vorbei sind sie noch lange nicht. Seit Tagen schon brodelt es allerorten: Beleidigte Zehntplatzierte, Sportexperten und Medien versuchen zu begreifen, was da wirklich stattgefunden hat in Watercube und Vogelnest. Zischen das böse D-Wort heraus, ohne das sie sich die vielen Fabelrekorde nicht erklären können. Und kommen, mal explizit, mal zwischen den Zeilen, zu dem Fazit: Dieses Spektakel, bei dem sogar das Feuerwerk gedopet war, hat den olympischen Geist ruiniert. Von "Riesenverarschung" ist gar die Rede.
Aber bitte: In welchem Jahr leben wir eigentlich? Dass es sich bei der modernen Olympiade* um eine anthropologische Leistungsschau handelt, bei dem Zukunftsentwürfe des Menschen präsentiert werden, ist doch bekannt. 1936 stellten die Nazis ihr Modell "Arier" vor, später dann der Ostblock den willensstarken Sowjetmenschen. Und nun arbeitet sich der Techno-Kapitalismus an den Cyborg heran.
Der ist vorerst nur chemisch oder biotechnisch aufgerüstet. Michael Phelps und Usain Bolt sehen noch aus wie Menschen, aber mit dem Südafrikaner Oscar Pistorius, der auf Carbon-Unterschenkeln sprintet, steht das Nachfolgemodell schon im Startblock. Die Berechtigung für die Qualifikation, die er sich erklagte, kam dieses Mal zu spät, und seine Bestzeiten liegen noch deutlich hinter den jeweiligen Rekorden. Aber ich bin sicher, dass irgendeine Firma bereits an besseren Prothesen arbeitet.
Pistorius selbst legt Wert darauf, dass er nicht behindert ist, sondern lediglich ohne natürliche Beine läuft. Die Skrupel, die das IOC bei ihm hatte, werden sich in absehbarer Zeit genauso verflüchtigen wie die Skrupel, mit einem autoritären Regime gemeinsame Sache zu machen. Die Spiele sind schließlich Big Business.
Aber billigen Zynismus beiseite, diese Spiele konfrontieren uns noch mehr als die von Athen mit der wichtigen Frage: Wo und nach welchen Kriterien ziehen wir bei der menschlichen Beschaffenheit die Grenze zwischen "natĂĽrlich" und "kĂĽnstlich"?
Die Verfechter eines "human enhancement", die so genannten Transhumanisten, behaupten, dass diese Grenze willkürlich ist. Für sie sind etwa Kontaktlinsen oder künstliche Hüftgelenke nur die einfache Vorstufe einer Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist – die Evolution läuft auf den Cyborg hinaus. Die meisten von uns ziehen aber spontan eine Grenze: Kontaktlinsen und künstliche Hüftgelenke, ja, Carbon-Unterschenkel, gerade noch OK – aber chemisches oder Gen-Doping oder noch abgefahrenere technische Hilfsmittel zur Leistungssteigerung von Bewegungsapparat und Nervensystem? Geht gar nicht!
Können wir diese Ablehnung aus einem Naturbegriff heraus gut begründen? Erst recht, da Doping im Arbeitsalltag ebenfalls längst Realität ist (auch hier lauert die Falle: Kaffee, ja - Pharmazeutika, nein!)? Und einen "Naturmenschen" aus einem statistischen Durchschnittsmenschen herauszudestillieren, ist selbst nicht unproblematisch.
Wer gegen die schleichende Cyborgisierung ist, muss konsequenterweise eigentlich auch das gesamte ökonomische Leistungssystem ablehnen, das den heutigen "Geist von Olympia" ebenso bestimmt wie das moderne Arbeitsleben. Ich glaube sogar, dass eine sozio-ökonomische Argumentationslinie gegen Doping die einzige ist, die nicht sofort in sich zusammenfällt. Anders gesagt: Solange der gegenwärtige Techno-Kapitalismus mit seinen Idealen von Effizienz und Warenform das akzeptierte Zivilisationsmodell ist, wirkt jede Kritik an Doping welcher Art auch immer verlogen. Sport ist eine Ware, die wie jede andere optimiert wird – mit allem, was der Stand der Technik hergibt.
Axel Hacke hat in seiner letzten Kolumne im SZ-Magazin den Vorschlag gemacht, zusätzlich zu Paralympics und Olympischen Spielen die "Normalympics" einzuführen, bei denen alle Ungedopeten antreten. Das klingt zwar sehr sympathisch. Aber wahrscheinlich wären Normalympics so aufregend wie die Bundesjugendspiele. Wer will die schon sehen, wenn nicht die eigenen Kinder mitmachen? Richtigen Pop – und darum geht es bei der Olympiade auch – wie Usain Bolts jetzt schon legendären, weil unverschämten 100-Meter-Rekordlauf gibt es wohl nur bei "Olympia as usual". Wen so etwas anmacht, sollte sich mit Doping abfinden und lieber auf die Borg-Olympics freuen, die uns das IOC eines Tages schenken wird. Alle anderen gehen bitte selbst joggen oder schwimmen und lassen den Fernseher einfach aus.
*FĂĽr die ganz Genauen: Klar, mit Olympiade wird der Vierjahreszeitraum zwischen den Spielen bezeichnet, aber ich erlaube mir, das Wort hier mal im umgangssprachlichen Deutsch als Synonym fĂĽr die Spiele selbst zu verwenden. Die Spiele mit dem Ortsnamen "Olympia" zu bezeichnen, halte ich fĂĽr seltsam. ([#zurueck zurĂĽck nach oben]) (wst)