Der Fluchthelfer
Der Sicherheitsspezialist Frank Ahearn hilft Menschen abzutauchen. Die Digitalisierung hat sein Geschäft nicht einfacher gemacht.
- Ulrich Hottelet
Der Sicherheitsspezialist Frank Ahearn hilft Menschen abzutauchen. Die Digitalisierung hat sein Geschäft nicht einfacher gemacht.
TR: Herr Ahearn, was ist der häufigste Fehler, den Menschen machen, wenn sie untertauchen wollen?
Frank Ahearn: Die Leute suchen von zu Hause aus oder im Büro per Computer nach Infos über ihren künftigen Wohnort. Damit hinterlassen sie digitale Spuren wie Suchbegriffe und aufgerufene Websites auf dem Gerät. Man sollte dafür keinen eigenen Computer verwenden, sondern zum Beispiel in ein Internet-Café gehen.
Welches Motiv haben Ihre Kunden? Sind auch „normale“ Menschen darunter?
(lacht) Es gibt keinen normalen Kunden. Es läuft immer auf Gewalt, Geld oder Informationen als Grund hinaus. Entweder will man Ex-Ehepartnern und Stalkern entgehen, oder man will seinen Reichtum und seine Kinder schützen, oder man weiß zu viel über seine kriminellen Geschäftspartner.
Auf Ihrer Website www.frankahearn.com empfehlen Sie, die Finger von gefälschten Identitätspapieren zu lassen, aber eine gefälschte digitale Identität zu erzeugen. Warum machen Sie da einen Unterschied?
Einen falschen Führerschein oder Pass anzufertigen ist illegal. Und woher wollen Sie wissen, dass die gekaufte Identität nicht von einer anderen Person stammt? Damit handelt man sich nur Probleme ein. Bei der digitalen Identität verhält es sich so: Die Leute suchen nach jemandem zuerst online. Am wichtigsten beim Untertauchen ist daher Desinformation. Ich baue Webseiten mit einem Frank in London, einem in New York, einem in Cincinnati usw., bis ich zehn Franks habe. Das macht es teurer und schwieriger, nach mir zu suchen. Ich manipuliere zudem die Ergebnisse von Suchmaschinen, Blogs und sozialen Netzwerken. Man muss ein virtuelles Wesen schaffen, das mit keinen aktuellen Informationen über Sie wie Konten und Telefondaten verknüpft ist. Sie werden unter einem anderen Namen geführt.
Macht es das Internet schwerer unterzutauchen?
Geotagging hat mein Geschäft schwieriger gemacht. Techies finden heraus, wo ein Foto aufgenommen wurde. Daher muss man das Bild tatsächlich an dem Ort machen, zu dem man eine falsche Fährte legen will. Die Nutzer sind technisch versierter geworden. Sie stellen zum Beispiel in Wordpress fest, wo der Blogpost geschrieben wurde. Sobald Sie „Enter“ drücken, kreieren Sie einen digitalen Fußabdruck, egal welche Anonymisierungs-Software Sie nutzen. Die Leute vergessen zudem, dass man digitale Fußabdrücke hinterlässt, wenn man beispielsweise ein Prepaid-Handy kauft.
Wie fliegt man denn beim Kauf von Prepaid-Handys auf?
In den Geschäften gibt es Überwachungskameras. Damit kann man Sie erkennen und den Zeitpunkt des Kaufs feststellen. Das kann die Polizei, das können aber auch andere, zum Beispiel Privatdetektive. Man vermeidet dieses Risiko, indem man einem Obdachlosen ein paar Dollars gibt und ihn das Handy für Sie kaufen lässt. Man darf keine Verknüpfung erzeugen. Viele konzentrieren sich darauf, online keine Spuren zu hinterlassen. Man muss das aber auch offline beachten.
(wst)