Der Mehltau der Nuller Jahre
Noch nie wurde die Kraft der Innovation so beschworen wie in diesem Jahrzehnt. Aber gab es irgendetwas Bahnbrechendes in den 2000ern? Vielleicht hilft uns ja noch der LHC.
- Niels Boeing
Vor einigen Tagen tauchte wie aus dem Nichts eine Frage auf, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Welche wissenschaftliche oder technische Neuerung wird als der Durchbruch dieses Jahrzehnts in die Geschichte eingehen? Überall werden Innovationen beschworen, Milliarden in Forschung und Entwicklung gesteckt. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, mir fällt nichts richtig Bahnbrechendes ein.
In der Nanotechnik? Die heute realisierten Nano-Anwendungen bauen alle auf den Entdeckungen der achtziger und neunziger Jahre auf. Im Wesentlichen sind es Anwendungen der chemischen Nanotechnik. Die groĂźen Ideen fĂĽr Nanomedizin und Nanoelektronik sind bislang nicht ĂĽber Prototypen hinausgekommen.
Im Internet? Das Web 2.0 hat nur verschiedene Entwicklungslinien verfeinert und zusammengefügt, die schon Mitte der Neunziger ausgelegt wurden. Bloggen, Wikis, soziale Netzwerke, File Sharing – gab’s alles schon damals.
In der Biotechnik? Auch Stammzellforschung, die Sequenzierung ganzer Genome und das Klonen sind alte Bekannte. OK, vielleicht wird Eckard Wimmers erstes synthetisches Poliovirus von 2002 irgendwann als Meilenstein gelten – hoffentlich für nichts Ungutes. Bislang steht es allerdings eher als Proof of Principle denn als Innovation da.
Überall lassen sich nur graduelle Neuerungen finden – das gilt übrigens für Musik und Kunst genauso: Mashups, wohin man blickt. Woran kann das liegen?
In der Gegenwart sieht man natürlich häufig den Wald vor lauter Bäumen nicht. Der Kollege Stieler äußerte allerdings vor ein paar Tagen die interessante Vermutung, die allgemeine Verunsicherung nach 9/11 – das sich morgen zum siebten Mal jährt – könnte zu einer Art emotionaler Blockade geführt haben, die herausragende kreative Leistungen behindere. Als ob sich der Staub des World Trade Centers wie intellektueller Mehltau über die Köpfe gelegt habe.
477 Tage dauern die Nuller Jahre nach üblicher Zählweise noch (für Zahlenpuristen ist natürlich erst am 31.12.2010 Schluss). Zwei potenzielle Durchbrüche fallen mir ein, die bis dahin noch gelingen könnten: Der LHC, der heute am CERN in Betrieb gehen soll, könnte das berüchtigte Higgs-Boson finden und damit die experimentelle Lücke im Standard-Modell der Teilchenphysik schließen (wobei das dann eher ein Endpunkt als ein Anfang wäre). Und das J. Craig Venter Institute könnte noch den großen Coup schaffen, ein synthetisches Bakterium mit einem Minimalgenom zum Leben zu erwecken – und damit endgültig das Industrieprojekt „Leben 2.0“ lostreten (was Wimmers Poliovirus dann zum Startschuss machen würde).
Aber vielleicht war die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch ein „technisches Kambrium“ – eine Explosion der technischen Artenvielfalt –, das wie sein biologischer Vorläufer nicht ewig währen kann. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass sich der technisch-wissenschaftliche Fortschritt nicht verlangsamt, dass uns diese Möglichkeit unsinnig erscheint. In diesem Sinne sind wir alle Kurzweilianer: Weil’s bisher so war, wird die Rallye immer weitergehen.
Was meinen Sie: Welche großen Durchbrüche werden von den Nuller Jahren bleiben? Und welche könnten in den nächsten 477 Tagen noch aus den Laboren kommen? (wst)