Vom Printobjekt zum Findobjekt
Google will alle Zeitungen einscannen und online stellen. Toll: Aus der Weltkulturmasse wird das größte Werbeumfeld aller Zeiten.
- Peter Glaser
Ok, Google will alle Zeitungen einscannen und online stellen. Alle. Der erste Reflex: Wunderbar. Das Wissen der Menschheit ist bald nicht mehr nur vorhanden, die Menschheit bekommt auch endlich Zugang dazu. Und zwar zu dieser einzigartigen Form von Wissen, wie sie eben Zeitungen vermitteln. Die von kleinen und großen Journalisten der Wirklichkeit abgejagt wird, die pragmatisch ist, die sich um das Alltägliche kümmert, im Kleinen und im Großen, Alltag im Kiez, Alltag im Krieg. Eine andere Realität als die hier haben wir nicht. Journalisten kümmern sich darum. Bücher sind in Ordnung, aber Zeitungen sind ein anderes Kaliber.
Der zweite Reflex: Die Firma Google betreibt ihre immensen Kleinanzeigenkraftwerke, indem sie Dämme einreisst. Google ist an der Welttextmasse interessiert, und zwar an der Quantität. Die Firma verwandelt das Wissen der Welt in ein gigantisches Werbeumfeld. Google wird sehr große Summen aufwenden, um die Transformation vom bedruckten Papier ins Digitale voranzutreiben, die mit dem Grösaz (Größtes Scanprojekt Aller Zeiten) Google Print begonnen hat. Während die meisten Verlage sich noch der Illusion hingeben, dass das alles ja ihnen gehöre, verwandeln sich die Inhalte immer schneller von Printobjekten zu Findobjekten und werden flüchtig.
Google macht der Menschheit ein riesiges Geschenk, so fühlt es sich für die meisten Nutzer jedenfalls an, und dem begeisterten Mausklick-Tsunami, den das zur Folge hat, wird sich kein Zeitungsverleger erfolgreich entgegenstellen können. Würde Cervantes heute leben, er würde keinen Ritter von der traurigen Gestalt gegen die Windmühlenflügel kämpfen lassen, sondern Verleger gegen Google.
Der unschlagbare Vorteil, den Google hat: Das Unternehmen agiert global in einem Zeitalter forcierter Globalisierung. Und jeder, der im Internet vorhanden sein will, braucht Google. Erst Google verleiht Menschen, Organisationen, Firmen oder Kulturgütern digitales Dasein. Ungoogelbar zu sein, bedeutet im Internetzeitalter, praktisch nicht zu existieren. Jeder Verlag sitzt auf seiner herkömmlichen, begrenzten Markt-Insel, und kaum hat er den ersten Schritt ins Netz gemacht, zeigt sich, dass die Kontur, die er sich selbst verliehen hat, nicht mehr da ist. Die Grenzen diffundieren. Jede Regionalzeitung ist, wenn sie ins Netz geht, überregional, jeder Kleinverlag hat ein potenziell weltweites Publikum. Statt regionaler, nationaler oder sonstiger Begrenzungen kommen nun neue Kräfte ins Spiel, Server- und Suchmaschinenoptimierungs-Power zum Beispiel. Womit wir wieder bei Google sind. Und bei Google ist jeden Tag Informationsweihnachten. Dafür bezahlen? 1 müdes Lächeln 50.
Google aber hält den schwarzen Peter nicht allein. Vor allem Zeitungsverlage haben in den zurückliegenden Jahren mit ihren teils verzweifelten Versuchen, neue Geldquellen in diesem rätselhaften digitalen Universum zu erschließen, mehr Schaden angerichtet als Nutzen. So wurden etwa bei dem Versuch, die Print-Produktion an Texten und Fotos einer digitalen Zweitverwertung in kostenpflichtigen Datenbanken, auf CDs etc. zu unterziehen, als erstes probeweise die Freelancer ausgebootet. Fortan sollten sie über das Print-Honorar hinaus auf jede Beteiligung an weiteren künftigen Verwertungsmöglichkeiten verzichten.
Im Juni 2001 entschied der oberste Gerichtshof in den USA in dem Verfahren The New York Times Company versus Jonathan Tasini, dass Online-Veröffentlichungen von Artikeln nicht unter die herkömmlichen Verwertungsrechte fallen. Es sind eigenständige Veröffentlichungen, die auch eigenständig honoriert werden sollten. Zeitungsverlage – und nicht nur die New York Times – fingen an, ihre Online-Datenbanken auszuräumen. Stanley N. Katz, ein Historiker an der Universität Princeton, nannte die Aktion der Verleger "verheerend": Texte von freien Autoren, die Honorarnachforderungen hätten stellen können, verschwanden aus der digitalen Zeitungswelt – massenhaft Material aus den 70er-, 80er- und den frühen 90er-Jahren wurde gelöscht. Das war eine Art aberwitziges Gegenteil dessen, was Google heute umgekehrt unternimmt. (wst)