iPS, iPS hurra
Eine japanische Uni hat das erste Patent für die Stammzellengenerierung aus Hautzellen gewonnen. Dabei hätte sich auch ein deutsches Unternehmen diese Lorbeeren anheften können. Steckt dahinter ein Trend zu verpassten Gelegenheiten?
- Martin Kölling
Hoppla, da hat Japan ja noch eine Marktführerschaft eingesammelt: Diesmal in der Stammzellenforschung. Und man fragt sich, warum die Sache nicht aus deutschen Unternehmen kommt. Die Universtität Kyoto hat kürzlich reklamiert, das weltweit erste Patent für die Erzeugung von induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) erhalten zu haben. Die müssen wohl als so etwas wie das Ei des Kolumbus der Genforschung gelten, denn es handelt sich um normale Zellen, die nach einer Spezialbehandlung wie Stammzellen zu jedwedem Körpergewebe entwickelt werden können. Damit wäre das ethische Problem beseitigt, Embryos in der Stammzellenforschung zu verwenden.
Japan scheint bei der Untersuchung dieses Zelltyps schon länger die Nase vorn zu haben, obwohl genau deshalb auch ein deutsches Unternehmen die Lorbeeren hätte einfahren können. Klingt paradox? Ist aber Globalisierung. Voriges Jahr trompete das Team um Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto als erstes heraus, mit Retroviren Gene in normale Zellen von Mäusen geschleust und so die erwachsenen Zellen zu iPS verändert zu haben. Später machte Yamanaka ein anderer den ersten Platz streitig: Kazuhiro Sakurada. Er erzählte, sein Labor habe bereits im Mai 2006 – Monate vor Yamanaka – auf ähnliche Weise iPS erzeugt. Sein Arbeitgeber zu jener Zeit ist allerdings interessant: Es war die japanische Landesgesellschaft von Bayer, Bayer Yakuhin. Das Problem: Das Labor wurde Ende 2007 geschlossen, geopfert auf dem Altar des Kernkompetenzdenkens.
Ein weiser Entschluss oder Verkennung der Potenziale? Strategisch macht es für Bayer vielleicht Sinn. Nach dem Kauf von Schering im Jahr 2006 hat sich das Unternehmen auf die Erforschung von Krebs, Herzerkrankungen und anderen direkten Leiden konzentriert. Doch manchmal beschleicht mich angesichts der japanischen Vorbilder in meiner Nachbarschaft das Gefühl, dass sich hinter den auf den ersten Blick vernünftigen Entscheidungen deutscher Unternehmen ein systematischer Mangel an Weitsicht verbirgt. Die Kraftwerksparte von Siemens bietet zum Beispiel sein Forschungslabor für Feststoffbrennstoffzellen im amerikanischen Pittsburgh feil, weil es sich dabei – so der Konzern trocken im Juni – um "keine Kernkompetenz für das Energiegeschäft" handele und es die für 2010 angepeilten Gewinnziele nicht erreichen würde. Über den Verkauf dieses Instituts zu einer Zeit, da Brennstoffzellen sich in vielen Märkten an die Marktreife heranpirschen, lache die gesamte Industrie, sagte mir ein US-Technologiemanager aus Pittsburgh.
Sicher hat auch Siemens genügend gute Gründe zur Hand, zehn Jahre Forschung fallen zu lassen. Renditen für die Aktionäre zum Beispiel. Und vielleicht verfolgt man ja die Strategie, dass man zur Not eine Technik einkaufen kann, wenn man sie nicht selbst im Haus entwickelt. Doch der Kontrast mit japanischen Unternehmen ist augenfällig. So klagte mir gegenüber ein deutscher Forscher, der in Japan lebt, dass in Deutschland der Forschungshorizont, bis zu dem die Wissenschaftler ein Produkt zur Marktreife zu entwickeln haben, auf wenige Jahre zusammengeschnurrt sei. In Japan würden die Unternehmen sich Horizonte von zehn bis 20 Jahren leisten. Der Autokonzern Toyota hat beispielsweise eine Forschungsgruppe gegründet, die den Nachfolger des Lithium-Ionen-Akkus entwickeln soll. Zeithorizont: 2030. In den nächsten zwei Jahren sollen 100 Forscher darauf angesetzt werden.
Ob die längerfristig angelegte oder die auf den schnellen Gewinn ausgerichtete Strategie besser funktionieren wird, muss sich zeigen. Risiken bergen beide Ansätze: Langfristdenker laufen Gefahr, Gelder in fruchtlose Projekte zu versenken, Kurzfristgewinnler, Zukunftschancen zu verschenken. Ich persönlich fühle mich wohler mit langfristigem Denken, wenn es denn eingebettet ist in eine klare Strategie. Bin ich damit im Zeitalter des globalen Turbokapitalismus hoffnungslos veraltet? Oder angesichts der globalen Finanzmarktkrise wieder richtig modern? Egal. Eines lehrt das Beispiel der Uni Kyoto: Wer im Zeitalter der Globalisierung Erfolg haben will, muss verdammt schnell sein, und sich rasch die Lorbeeren der Forschung sichern. (wst)