Leistungsschau im Schatten der Finanzkrise
Auf der diesjährigen MIT-EmTech-Konferenz präsentieren vor allem Nachwuchsforscher spannende neue Anwendungen.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Das Wetter in Cambridge lieferte letzte Woche jedenfalls keinen Hinweis darauf, in welchen finanziellen Gewitterwolken die diesjährige MIT Emerging Technologies 08 Konferenz stattfand: Die Sonne lachte über dem Campus des Massachusetts Institute of Technology (MIT) am Ufer des Charles River. Studenten, die nicht mit ihren Laptops und Aufzeichnungen draußen saßen, strömten geschäftig zwischen den Gebäuden hin und her.
In den Vorträgen und Podiumsdiskussionen klang die Finanzkrise zwar immer wieder an, doch die Laune wollte man sich bei der Leistungsschau von jungen Innovatoren und gestandenen Technologieunternehmen nicht verderben lassen. Besonders spannend dabei: In sogenannten Elevator Pitches präsentierten die diesjährigen TR35-Gewinner – von einem Expertengremium ausgewählte Wissenschaftler, die jünger als 35 sind und besonders viel versprechende Innovationen entwickelt haben – ihre Entwicklungen, mit denen sie in den Startlöchern stehen oder gar schon Start-ups gegründet haben, als 90-Sekunden-Appetithäppchen. Hier hätte man gerne mehr gehört und dafür den einen oder anderen Keynote-Vortrag mit oft gehörten Aussagen über Innovationskonzepte gekürzt.
Meine persönlichen Highlights der Konferenz – die von IT bis Mobilfunk, von Nanotechnologie bis regenerativer Medizin, von neuen Materialien bis zu Umwelttechnologien einen bunten Strauß an Anwendungen präsentierte – kommen aus dem Vortragsblock „regenerative Medizin“:
– Effektiver verjüngen: Der Österreicher Konrad Hochedlinger (Harvard Medical School) hat die Rückprogrammierung von Haut- zu induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) weiterentwickelt und die Methode nicht nur sicherer, sondern auch effektiver gemacht. Er verwendete dazu die gleichen vier Verjüngungsgene wie Shinya Yamanaka, der japanische Pionier der Methode. Statt jedoch Lentiviren als Transporter einzusetzen, die sich mit ihrer Genfracht mitten ins Genom der Hautzellen einschleusen und mit der Zeit Krebs hervorrufen können, setzt er auf antibiotikagesteuerte Adenoviren. Diese werden separat vom Wirtsgenom abgelesen – und zwar nur dann, wenn das Antibiotikum Doxycyclin dazugegeben wird. Die dabei immer noch sehr niedrige Ausbeute an iPS konnte beträchtlich erhöht werden, wenn man die Zellen sich zuerst weiterentwickeln ließ und dann erneut per Antibiotikagabe in iPS verwandelte.
– Hoffnung bei Rückenmarksverletzungen: Erin Lavik von der Yale University entwickelt künstliche Blutplättchen, die bei Verletzungen des Rückenmarks auftretende schädliche Blutungen unterbinden sollen – ohne dass sie Blutgefäße verstopfen und einen Schlaganfall auslösen. Mit Hilfe von speziellen Polymergerüsten konnte sie zudem das Wachstum von Blutgefäßen anregen, die sogar die schützende Blut-Rückenmarks-Schranke neu ausbildeten.
– Legobausteine für Gewebe: Die schwierige Erzeugung von neuen Ersatzorganen will Ali Khademhosseini von der Harvard Medical School mit Hilfe von biologischen Bausteinen lösen. Statt ein Gerüst in der Größe des gewünschten Organs mit Zellen zu besiedeln, was oft nur in den äußeren Schicht gut funktioniert, entwickelt er kleine Gerüstebausteine aus bioverträglichem Polyethylenglykol für kleine Gewebeeinheiten. Die lagern sich anschließend unter Lichteinwirkung zu größeren Geweben zusammen.
Trotz aller Begeisterung über innovative Technologien geht aber hinter den Kulissen bei Wirtschaftsexperten angesichts der Finanzkrise die Angst vor einem Crash um, sagte Jason Pontin, Chefredakteur des US-Mutterblattes von Technology Review und Organisator der Konferenz, später in einem Online-TV-Interview. Das Geld aus der – in den US-Medien nur noch als Bail-out (englisch für Heraushauen) bezeichneten – 700-Milliarden-Dollar-Finanzspritze, so sie denn vom Repräsentantenhaus bewilligt wird, werde woanders schmerzlich fehlen: in der öffentlichen Finanzierung der langfristigen Grundlagenforschung von Universitäten. Das träfe das Ökosystem der Technologie-Entwicklung an ihrem Fundament. Technologie-Unternehmen wiederum fehle die Exit-Möglichkeit, sagt Pontin. Risikokapitalgeber, die sonst viel versprechende Kandidaten in den Markt bringen und mit dem Wiedereinspielen ihres Kapitals innerhalb von drei bis fünf Jahren rechnen, scheuten das Risiko – statt in neue Unternehmen zu investieren, erhalten sie nur noch ihre bestehenden Beteiligungen aufrecht. Der Grund: dieses Jahr hat es in den USA noch keinen nennenswerten Börsengang gegeben – das habe es seit den späten Siebzigern nicht mehr gegeben.
Ob die erhoffte Einigung im US-Repräsentantenhaus heute zustande kommt und wie gravierend die finanziellen Auswirkungen der Rettungsaktion für die Technologie-Entwicklung sein werden, muss sich noch zeigen. Förderungswürdige Ideen gibt es jedenfalls nach wie vor genug. (wst)