Schreiben oder klicken?

Interaktive Maschinen sind eine gefährliche Illusion: Systemgeleitete User, so scheint es, sind unkreativer und dummheitsgefährdeter.

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Peter Glaser

Der Holländische Psychologe Christof van Nimwegen vertritt die Ansicht, dass Papier und Stift dem Lernen und der Kreativität wesentlich förderlicher seien als es Computer sind.

Seinen Untersuchungen zufolge verwandelt Software uns in passive Subjekte, die sich den Launen des Computers ausliefern und ein wenig beschränkt in Menüs und auf Icons oder Optionskästchen herumklicken. Eine Vergleichsgruppe, die statt digitaler Apparatur nur mit Kuli oder Füllfeder arbeitete, erledigte die gestellten Aufgaben schneller und besser.

Das Problem ist: Es gibt keine Interaktion mit Maschinen. Der Begriff der Interaktion stammt ursprünglich aus der Soziologie und bezeichnete die Wechselbeziehung zwischen Personen. Dann widerfuhr dem Begriff das, was bei Seeleuten shanghaien heißt: Er wurde verschleppt und in fremde Dienste gezwungen. Die Verkünder der digitalen Revolution hatten sich eine ihrer großen Verheißungen eingefangen: Das Interaktive sollte eine der maßgeblichen Qualitäten der digitalen Welt ausmachen.

Interaktive Medien versprache, komplexe Inhalte anschaulich und intuitiv zu vermitteln und den Nutzer von der passiven Couchkartoffel zum regen Teilnehmer zu emanzipieren. Sogar das Fernsehen sollte, vom magischen Hauch der Interaktivität angeweht, neuen Zauber verbreiten.

Im Gegensatz zur Kommunikation, bei der eine Botschaft vom einen zum anderen übermittelt wird, geht es bei der Interaktion immer um einen beiderseitigen Austausch. Bereits an diesem ersten Unterscheidungsmerkmal scheitert jede Software. Programme können auf unterschiedlich festgelegte Art auf die Anforderungen von Nutzern reagieren. Man kann das multioptional oder Multiple Choice nennen – ein gegenseitiger Austausch, bei dem beide Seiten Erfahrungen miteinander machen und einander verändern, ist das sicher nicht. Keine Interaktion.

Es ist auch nicht interaktiv, ein Feld auf einem Bildschirm anzuklicken. Es gibt keine wirklichen Überraschungen oder neue Entdeckungen. Wie zahlreich und wohlgestaltet sie auch sein mögen, alle Auswahl- und Verzweigungsmöglichkeiten von Computerprogrammen sind unveränderlich festgesetzt. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich ein Gegenüber, mit dem ich auf die altbekannt analoge Art interaktiv bin, gleichzeitig mit mir ändert – jede Seite wird ein kleines bißchen erfahrener. Die Situation ist nie eindeutig vorhersehbar. Die Vorstellung, man könne interaktiv mit etwas sein, das sich selber nicht ändert, ist unsinnig.

Wenn man’s für sich betreibt, mögen Stift und Papier die ergebnisreicher Möglichkeit sein. Im Austausch mit anderen wird einem der Versuch inzwischen aber macnhmal schon schwer gemacht: Neulich war ich zu einer Lesung eingeladen und der Veranstalter hatte mir gedruckte Flyer mit Hinweisen auf die Veranstaltung geschickt, verbunden mit der Bitte, ob ich nicht welche davon an Freunde und Bekannte weiterleiten könnte. Zuerst habe ich überlegt, das Ding einzuscannen, um es als Mail-Attachment verwenden zu können. Dann habe ich aber doch Briefmarken und Kuverts gekauft, auf jeden der Flyer noch ein bißchen was draufgeschrieben und alles in einen Briefkasten geworfen. Auf der Veranstaltung hat mich einer meiner Freunde dann vorwurfsvoll gefragt, weshalb ich ihm denn – mit dem Ausdruck leichten Entsetzens – einen Brief geschickt hätte und keine Mail. Er würde doch nur noch alle paar Tage in seinen Briefkasten schauen, und er hätte die Veranstaltung fast versäumt. (wst)