Der Wahnwitz des Wachstums

Bankenkrise und Ressourcenkrise sind nur zwei Seiten derselben Medaille: der Wachstumsspirale des Kapitalismus. Die ist nicht Ausdruck einer Ideologie, sondern im System angelegt.

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Von
  • Niels Boeing

Bankenkrise take 2: Ich hätte eigentlich erwartet, dass sie eine breite Debatte auslösen würde, wie es mit unserem Wirtschaftssystem weitergehen soll. Von einst lautstarken Globalisierungskritikern wie Attac ist so gut wie nichts zu hören. Stattdessen werden technische Details erörtert, welche Regierung das klügere Rettungspaket geschnürt hat, wie sich das Vertrauen des gemeinen Sparers wiederherstellen lässt oder Bankenvorstände persönlich in die Pflicht genommen werden können. Augen zu und durch, lautet die Devise – auf dass der ganz große Crash gerade noch vermieden wird und irgendwann im nächsten Jahr alle wieder ihren Geschäften nachgehen können.

Der Absturz des Finanzkapitalismus ereignet sich jedoch nicht in einem historischen Vakuum. Was noch auf der Agenda steht, thematisiert die aktuelle Titelgeschichte des New Scientist: „Der Wahnwitz des Wachstums. Wie man die Wirtschaft dabei stoppt, den Planeten umzubringen.“ Richtig, da war noch was: Auch das bisherige Energiesystem steht am Anfang einer Krise, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist in rasender Beschleunigung begriffen (Überfischung, Trinkwasserverknappung, Regenwald-Abholzung etc.), und ob die Herausforderung des Klimawandels in humaner Weise gemeistert werden kann, ist völlig offen. Das britische Magazin illustriert die Lage mit einer Grafik, die sich als Signet für die Krise eignet: ein Bündel von exponentiellen Wachstumskurven, die aus der Vergangenheit in den Himmel der Gegenwart schießen. Danach kommt nur noch die Singularität.

Die ist allerdings nur für Ray Kurzweil eine erhabene neue Stufe der Evolution. Für jeden, der noch einen Funken Verstand hat, sollte klar sein: Solange wir nicht den Exodus in den Weltraum antreten (können), ist die Singularität ein Zusammenbruch der physischen Existenzgrundlagen. Und damit dann auch der Geschäftsgrundlagen des Kapitalismus.

Natürlich werden an dieser Stelle die Optimisten aller Länder abwinken: völliger Quatsch. Der Menschheit ist immer etwas eingefallen. Der Münchhausen-Trick, mit dem sich der Kapitalismus am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen soll, heißt „qualitatives Wachstum“ oder „Effizienzrevolution“.

Dass diese Idee nicht zuende gedacht wird, zeigt der Zürcher Kollege Marcel Hänggi sehr schön in seinem letzte Woche veröffentlichten Buch „Wir Schwätzer im Treibhaus“ (toller Titel!). Effizienzsteigerungen sparen nur vordergründig etwas ein. Tatsächlich verbrauchen Produkte, die effizienter als ihre Vorgänger sind, in der Gesamtbilanz oft wieder mehr Ressourcen – weil wegen sinkender Preise und neu geweckter Bedürfnisse die Nachfrage kräftig anzieht. Oder weil sie in weniger entwickelten Regionen überhaupt erst entsteht: „...das von vielen Umweltschützern erträumte Zweiliterauto könnte sich im globalen Maßstab als Alptraum herausstellen, wenn es Ähnliches bewirkt wie die Wolframlampen vor hundert Jahren“, schreibt Hänggi. Die Wolframlampen verbrauchten nur ein Viertel des Stroms, den die älteren Kohlefadenlampen benötigt hatten. Damit waren sie billiger und wurden erst recht zum Massenprodukt.

Denselben „Rebound-Effekt“ können wir heute etwa seit den früheren neunziger Jahren bei der Informationstechnik beobachten. Sie sollte Prozesse „entstofflichen“, aber die digitale Infrastruktur für diese Entstofflichung verbraucht inzwischen fünf Prozent der weltweiten Endenergie. Und dazu kommen noch die ökologischen Rucksäcke der ganzen Hardware an verbrauchten und nicht wiederverwerteten Rohstoffen.

Wachstum per Rebound-Effekt könnte man noch uns Verbrauchern anlasten, die nichts Besseres zu tun haben, den Fortschrittsversprechungen zu glauben und ständig das neueste Produkt zu kaufen (worauf wir allerdings auch von Kleinauf konditioniert sind). Die andere Seite des Problems ist jedoch, dass Produzenten (und Dienstleister) zu Wachstum gezwungen sind. Der New Scientist stellt diesen Wachstumszwang als Ideologie hin - unsere Wirtschaft basiere "auf der Annahme von Wachstum". Das ist nun allerdings falsch.

Sicher mag bei dem einen oder anderen „Kapitalisten“ auch Gier mit im Spiel sein. Aber es gibt einen systemimmanenten Mechanismus, der Wachstum zwingend erfordert: die Verfasstheit des Geldes im Kapitalismus. Oberflächlich betrachtet dient es als Tauschmittel oder Informationsmedium in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Unter der Oberfläche kommt es aber immer in einem Kreditakt in die Wirtschaft – am Anfang von der Zentralbank an die Geschäftsbanken (außer vielleicht in Nordkorea). Danach gleicht das ganze einem Kettenbrief-System. Es müssen immer zusätzlich Zinsen, also Kapitalkosten, erwirtschaftet und weitergereicht werden. Das geht nur, wenn die Wirtschaft wächst. Also mehr und neuere Güter produziert und konsumiert werden.

Dass der Finanzkapitalismus das Volumen der Realwirtschaft um ein Zigfaches übertrifft, ist kein Gegenargument, sondern Ausdruck dieses Mechanismus. Weil die Profitraten, zu denen die Wachstumsdynamik die Unternehmen zwingt, nicht mehr annähernd in der Realwirtschaft erzielt werden können, ist der Finanzkapitalismus in seinem heutigen Umfang überhaupt erst entstanden (s. dazu z.B. Walden Bello). Die Kredit- und Immobilienblase sowie die Energie- und Ressourcenkrise sind zwei Seiten derselben Medaille - ein Sachverhalt, den der Ökonom Elmar Altvater seit Jahren zurecht betont.

Es sind aber, das ist wichtig festzuhalten, keine Schurken, die das System in übler Absicht in die Wachstumsspirale treiben. Das System ist ein Selbstläufer. Wer on the long run aus dem „Wahnwitz des Wachstums“ aussteigen will, muss auch aus dem Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, aussteigen.

Der New Scientist skizziert gemeinsam mit Herman Daly, dem Begründer der „ökologischen Ökonomie“, ein alternatives nachhaltiges Wirtschaftssystem im Jahre 2020. Darin sollen die Banken kein Geld mehr im heutigen Sinne verleihen, sondern gegen eine Bearbeitungsgebühr „vermitteln“ – übrigens exakt das, was im islamischen Bankwesen geschieht. Leider fehlt ein Hinweis darauf, wie in Dalys Vision das Geld in die Welt kommt und wie es beschaffen ist.

Solange diese Frage nicht geklärt ist, wird weder Dalys noch sonst ein Alternativkonzept die Wachstumsspirale durchbrechen. Wir brauchen eine ganz neue Technologie der Ökonomie. (wst)