Virtuelle Virtuosen

Raumklang der nächsten Digitalgeneration: Eine japanische Firma hat aus 64 einzelnen Lautsprechern ein Orchester nachgebaut.

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Von
  • Martin Kölling

Aktuell besonders interessant an digitaler Technik ist, dass sie sich mit zunehmendem Fortschritt immer analoger anfühlt. Die Steuerung von Nintendos Spielekonsole Wii mittels bewegungsempfindlicher Kontroller ist ein Beispiel für diese Entwicklung. Ein anderes ist das Lautsprechersystem des japanischen Start-ups Lead Sound: Die Tüftler aus Yokohama wollen mit ihrem System "Sympho Canvas" den Raumklang eines Orchesters aus 64 einzelnen säulenförmigen Lautsprechern nachgestalten.

Die Idee dabei klingt simpel: Beim Konzert in der Hafenstadt Kawasaki sind 46 Lautsprecher je einem Musikinstrument in einem Orchester zugeordnet, vier sind wahlweise für Singstimmen oder Trompeten gedacht, sechs Subwoofer verleihen Pauken und Bässen die richtige magendurchdringende Kraft und acht weitere Schallwerfer erzeugen den gewünschten Widerhall. Anstatt Musik in Stereo wiederzugeben, kann dadurch rechnergesteuert an jedwedem Ort ein Orchester in seiner vollen Dreidimensionalität simuliert werden.

Die Möglichkeiten, die diese Idee eröffnet, finde ich faszinierend. Gedacht haben die Initiatoren die Technik für die musikalische Erziehung oder Konzerte in öffentlichen Bereichen, die bisher für Orchester wenig zugänglich waren. Lehrer können gezielt einzelne Instrumente abspielen und so Musikstücke mit ihren Schülern sezieren. Die Menschen können, so sie wollen, ein Konzert durchwandern. Außerdem kann die Musik so dargeboten werden, dass selbst in kleinen Räumen ein kathedraler Klang entsteht.

Doch die Idee lässt sich weiterspinnen. Meine Vision: eine weitere Demokratisierung der Hochkultur. Niemand muss mehr warten oder reisen, um den Klang eines weltberühmten Orchesters zu erleben. Die Berliner Philharmoniker könnten sogar – wenigstens in der vollen Breite und Tiefe des akustischen Raumes – live gleichzeitig in Tibet, Tokio und Timbuktu auftreten.

Allerdings werden Liebhaber von bemenschten Konzerten noch eine Weile in Konzertsaalsesseln realen Streichern und Bläsern bei der Arbeit zuschauen können. Denn bevor die neue digitale Vision Wirklichkeit wird, müssen noch technische und vor allem finanzielle Hürden gemeistert werden. Bei Sympho Canvas wird derzeit noch extremer Aufwand geleistet, um ein reales Orchester Instrument für Instrument einzuspielen. Drei Millionen Yen (umgerechnet ungefähr 22.000 Euro) würde es aktuell kosten, um die für das Konzert des Lautsprecherensembles ausgewählte 5. Symphonie in C-Moll von Ludwig van Beethoven isoliert nach Instrumenten aufzunehmen, schätzen die Initiatoren.

Sie haben sich deshalb vorerst für die Billiglösung entschieden und innerhalb von acht Monaten die Klänge digital am Computer errechnet. Meine Hoffnung: Im nächsten Schritt widmen sich die Klangkreativen aus Yokohama der Entwicklung einer marktfähigen Einspieltechnik, um den Traum von der naturgetreuen dreidimensionalen Konzertkopie Wirklichkeit werden zu lassen. (wst)