Aus einer fernen Zeit
Sollte jemand durch ein Zeitfenster aus dem 18. oder dem 22. Jahrhundert in unsere Gegenwart fallen und von mir wissen wollen, wie es sich anfĂĽhlt, so Anfang des 21. Jahrhunderts zu leben, wĂĽrde ich ihn mit an meinen Rechner nehmen.
- Peter Glaser
Sollte jemand, so ähnlich wie in dem Film Time Bandits, durch ein Zeitfenster aus dem 18. oder dem 22. Jahrhundert in unsere Gegenwart fallen und von mir wissen wollen, wie es sich anfühlt, so Anfang des 21. Jahrhunderts zu leben, würde ich ihn mit an meinen Rechner nehmen und ihm zeigen, wo ich die letzte Viertelstunde langgeschliddert bin.
Ausgangspunkt war ein Foto auf einer der Websites, die ich gerne zur Erholung besuche. Sie heißt Vintagephoto, verschont einen weitestgehend mit Text und öffnet Fenster in vergangene Augenblicke. Es gibt kein System und keine Rubriken, was der Wind des Zufalls auf die Scanner des Planete weht und von dort ins Netz, landet wie Herbstlaub in dieser schönen, freien Sammlung. Ich blieb an einem Foto hängen, das Pablo Picasso 1923 am Strand von Antibes zeigt, neben ihm Gerald Murphy. Murphy, Murphy... genau.
Gerald und Sara Murphy waren die Vorbilder für Dick und Nicole Diver in Scott Fitzgeralds grandiosem Roman Zärtlich ist die Nacht gewesen. Der Bostoner Firmenerbe und Maler Murphy hatte sich in den zwanziger Jahren mit seiner Frau an der französischen Riviera angesiedelt. Die beiden wurden zum Mittelpunkt einer Künstlerwolke, der neben Picasso auch Ernest Hemingway, John Dos Passos und Scott Fitzgerald mit seiner Frau Zelda angehörten.
Wenn ich mich, wie bei den Murphys der Fall, mit etwas länger nicht mehr beschäftigt habe, sehe ich inzwischen routinemäßig bei Google & Co. nach, ob der zugehörige Teil der Weltkulturmasse seit dem letzten Mal zugenommen hat. Ob es neue Überraschungen, neue Information, neue Bilder gibt. Bei Flickr stieß ich auf ein weiteres Foto. Es zeigt das Haus in New York, in dem die Murphys nach ihrer Hochzeit lebten, ein hübsches, schmales Backstein-Stadthaus, auf das inzwischen jemand einen nüchternen Dachaufbau gesetzt hat.
Da die Adresse dabeisteht - 50 West 11th Street, New York -, hatte ich das Haus in Google Maps in den nächsten Sekunden lokalisiert. Ah, im Greenwich Village, zwei Querstraßen vom Broadway entfernt. Mit fiel ein Nachmittag in einem eisigen Frühjahr in New York ein, als ich stundenlang den Broadway hinunterspaziert war und mich immer wieder in Cafes und Kaufhäusern aufgewärmt hatte, und da ich nun hier im Warmen saß, bekam ich Lust, es mal ohne die dicke Jacke am Broadway zu versuchen. Also auf Google Street View klicken und einschwenken. Tschüß, ihr Murphys, danke für die Landemarkierung.
Ich schob mich mit dem Street View-Pfeil durch die Straße. Ab und zu glüht hier die Spätnachmittagssonne zwischen den Häusern durch, und bis zum nächsten Satellitenbild-Update wird diese Ecke von Greenwich Village auch in dieses ewige, satte Licht getaucht bleiben. Dadurch, dass hier scheinbar die Zeit stillsteht, fühlte ich mich den nur noch in Dokumenten festgehaltenen Erinnerungen an Zeit der Murphys und Fitzgeralds weiter verbunden. Das New York der Gegenwart fühlte sich an wie ein Roman, einzig die langweiligen Mittelklassewagen, mit denen die Straßenseiten zugestopft waren, und die es offenbar nur in den Farben silber, graphitschwarz und rot gab, nahmen der Illusion das Perfekte.
Vor mir war ein Lieferwagen, und mit jedem Klick auf den Vorwärtspfeil schob ich mich eine Street View-Einheit weiter, aber auch der Lieferwagen war ein Stück vorwärtsgefahren. Ich wollte eigentlich gemütlich zum Broadway flanieren, aber erstens war ich nun ein Auto (in Street View kann man nicht am Gehsteig gehen) und zweitens waren von der Gegend, die ich mir hatte ansehen wollen, fast nur Autos zu sehen. Der Broadway ist hier ziemlich unspektakulär, es gibt einen Kostümverleih, einen Antiquitätenladen und eine Kirche im Gothic Style.
Direkt hinter der Kirche hatte mich die Gegenwart endgültig wieder. An der Kreuzung ist eine Filiale der Wachovia-Bank. Ehe ich mich bei Vintagephoto ein bißchen ausgeruht hatte, war ich durch die Nachrichtenbrandung gesurft. “Die angeschlagene US-Großbank Wachovia hat im dritten Quartal mit 23,9 Mrd. Dollar den höchsten Verlust eines US-Instituts innerhalb von drei Monaten seit dem Beginn der Marktturbulenzen verbucht.”
So fĂĽhlt sich Oktober 2008 an. Willkommen, Freund aus einer fernen Zeit. Tasse Kaffee? (wst)