Das dreckige Dutzend
Zwölf Jahre nach der ersten Ausgabe zieht die neue Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" Bilanz, wie weit Deutschland, die EU und die Welt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit gekommen sind. Nicht so weit - auch Deutschland nicht.
- Niels Boeing
Das Timing ist perfekt: Mitten in der Krise des Finanzkapitalismus legen Brot für die Welt, BUND und Evangelischer Entwicklungsdienst die zweite Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ heraus. Erarbeitet vom Wuppertal Institut, unternimmt sie zwölf Jahre nach der ersten Studie eine Standortbestimmung: Wie weit sind wir auf dem Weg zu einer wirklich nachhaltigen Entwicklung vorangekommen? Und wie muss es weitergehen – in Deutschland, in der EU und global?
Gleich zu Beginn reden die Herausgeber Tacheles: „Doch die Wende zu einer Politik der Nachhaltigkeit ist offenkundlich noch nicht gelungen, weder national noch international. Es zeigt sich immer deutlicher: Kleine Kurskorrekturen reichen nicht. Größere Kursänderungen sind von der Politik offenbar nicht gewollt.“ Full ack!
Viel ist passiert seit 1996: Die Diagnose des Klimawandels ist weithin akzeptiert, aber das Kioto-Protokoll von 1997 hat sich als ziemlich wirkungslos entpuppt; China ist zum globalen Powerhouse aufgestiegen, mit Indien dicht dahinter, und die Janusköpfigkeit der Globalisierung ist offen erkennbar; Peak Oil ist nicht länger ein Szenario der entfernten Zukunft, und im Irak wird seit fünf Jahren auch ein Krieg um die fossilen Energiereserven geführt; Biokraftstoffe konkurrieren im Anbau mit Nahrungsmitteln; die Erneuerbaren Energien sind im Kommen, und „bio“ boomt in den Industrieländern.
Und noch etwas ist passiert: Die neue Studie kommt nicht mehr im ausgewogen-drögen Ökojargon der Neunziger daher, sondern spricht eine klare Sprache. Da ist endlich von „Plünderkapitalismus“ die Rede – in der alten Studie suchte man das damals noch unfeine „K-Wort“ vergeblich. Von unser aller „Bewusstseinsspaltung“: „Im Überbau sind alle – von Bild (‚Wer rettet die Pinguine?’) bis zur Kanzlerin – Fürsprecher eines konsequenten Klimaschutzes, im Unterbau der materiellen Verhältnisse jedoch geht die Expansion der Energieansprüche weiter.“ Und: „Wer für Armutslinderung eintritt, ohne in Reichtumslinderung einzuwilligen, betreibt nichts weiter als Spiegelfechterei.“ Recht so.
Die Deutschen mögen sich heute schon supergrün fühlen. Doch die Bundesrepublik wird trotz einiger Erfolge viele Ziele verfehlen, die die erste Studie auf Basis des Jahres 1995 für 2010 aufstellte. Manche sogar unglaublich deutlich. Hier eine Auswahl:
- Primärenergieverbrauch

Ziel 2010: mindestens –30 %; erreicht 1995 – 2005: +1,4 %
- Verbrauch fossiler Brennstoffe

Ziel 2010: -25 %; erreicht 1995 – 2005: -3,7 %
- Steigerung des Anteils Erneuerbarer Energien

Ziel 2010: +3 – 5 % pro Jahr; erreicht 1995 – 2005: +10 % pro Jahr
- Steigerung der Energieproduktivität

Ziel 2010: +3 – 5 % pro Jahr; erreicht 1995 – 2005: +1,6 % pro Jahr
- Globaler Materialaufwand

Ziel 2010: -25 %; erreicht 1995 – 2005: +5,1 %
- Steigerung der Materialproduktivität

Ziel 2010: ; erreicht 1995 – 2005:
- Zunahme der überbauten Fläche in Hektar pro Tag

Ziel 2010: 0; erreicht 2005: 118
- CO2-Emissionen

Ziel 2010: -35 %; erreicht 1995 – 2005: -5,2 %
- Schwefeldioxid-Emissionen

Ziel 2010: -80 – -90 %; erreicht 1995 – 2005:-67,6 %
- Biozide in der Landwirtschaft

Ziel 2010: -100 %; erreicht 1995 – 2005: +2,8 %
- Bodenerosion

Ziel 2010: -80 – -90 %; erreicht 1995 – 2005: -34,2 %
Die Autoren sprechen auch eine politisch brisante Wahrheit aus: Das westliche Entwicklungsmodell der vergangenen 200 Jahre kann kein Modell für Schwellen- und Entwicklungländer bleiben. „Die euro-atlantische Zivilisation stellt nicht die Spitze der sozialen Evolution dar, sondern einen Sonderfall, der weit davon entfernt ist, den Gang der Geschichte vorzugeben. Denn jenes Feuerwerk an Ressourcen, das Europa abgebrannt hat, ist in der Welt nicht wiederholbar, schon gar nicht bei ungleich größerer und noch wachsender Menschenzahl.“ Sie verschweigen aber auch nicht, dass es der Westen war, der dem Rest der Welt suggeriert hat, es ihm nachzutun. Welch bittere Ironie: „Es ist der letzte – und möglicherweise verhängnisvolle – Sieg der altindustriellen Länder, dass die Welt in ihnen den Standard sieht, durch den sich der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit einlösen lässt.“
Die Studie ist eine Fundgrube an Statistiken, Argumenten, ersten Erfolgsgeschichten und Politikideen für die kommenden 15 Jahre. Darunter finden sich auch solche, die die globalisierungskritische Bewegung der vergangenen zehn Jahre propagiert hat: etwa die Abschaffung der Welthandelsorganisation WTO, die durch eine neue Organisation mit Fair-Trade-Regeln und der Erlaubnis zu einem Entwicklungsprotektionismus des Südens ersetzt werden soll; oder die Lockerung des westlichen Knowhow-Protektionismus in Form eines drastischen Patentschutzes. Denn eine selbstbestimmte Entwicklung des Südens ist nur möglich, wenn ihm das technische Weltwissen zugänglich ist. Gleichwohl warnen die Autoren zurecht davor, das Heil allein in technischen Innovationen zu sehen.
Natürlich wird die Studie gründlichen Kapitalismuskritikern immer noch zu weich sein. Die Probleme der Kapitalakkumulation, des Primats von Privateigentum an Produktionsmitteln oder die Rolle des militärisch-industriellen Komplexes werden gestreift, aber nicht grundlegend kritisiert. Aber das folgt vielleicht in der nächsten Folge, in zehn oder zwölf Jahren.
In jedem Fall ist die Studie in ihrem Versuch, die Komplexität des gegenwärtigen Weltgeschehens aus Ökonomie, Kultur, Ökologie, Wissenschaft, Politik verständlich abzubilden, beeindruckend. Eigentlich müsste sie sofort Pflichtlektüre an Schulen werden. Mein Rat: kaufen, lesen und mit allen Freunden, Nachbarn und Bekannten diskutieren. Vielleicht kommt dann auch der verkrustete Unterbau, zu dem wir ja alle gehören, in Gang.
BUND, EED, Brot für die Welt (Hg.), "Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt", Fischer Taschenbuch 2008, 14,95 Euro (wst)