Google Nos statt Google News

Von der Verzögerung zur Totalblockade: Microsoft wurde ein Patent für automatische Sofortzensur zuerkannt.

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Von
  • Peter Glaser

Vor genau vier Jahren hatte die Firma Microsoft beim Unites States Patent and Trademark Office ein Patent auf ein Verfahren zur automatischen Zensur von Audiodaten beantragt, das nun erteilt wurde. Unerwünschte Begriffe können damit in Echtzeit aus Audio-Streams gefiltert oder weggepiept werden. Die Anwendungsgebiete für das Verfahren reichen von Radio über TV bis zu VoIP und Gamer-Kommunikationssysteme wie TeamSpeak.

Das Audio Mining, die Texterschließung gesprochener Worte, beginnt gerade erst interessant zu werden und wirft, was die Einsatzmöglichkeiten eines solchen Zensurrobots angeht, seine Schatten voraus – Google Nos statt Google News. Mining-Werkzeuge wie Google In Quotes oder Elections Video Search, die heute noch den US-Präsidentschaftskandidaten vorbehalten sind, werden in absehbarer Zeit auf die vielen anderen Sprechenden ausgeweitet werden. Der automatische Zensor sorgt dafür, dass nicht gesagt wird, was nicht gesagt werden soll.

Mehr oder weniger dezente Eingriffe ins Mediengeschehen gibt es schon lange. Als Ellison Horne im April 2003 die Live-Übertragungen der Rede des Oscar-Preisträgers Michael Moore auf CNN und ABC miteinander verglich, fiel ihm auf, dass der Ton bei CNN hörbar manipuliert war. Buhrufe im Hintergrund waren "hochgezogen" worden und erweckten den falschen Eindruck fortwährender lauter Mißfallensbekundungen.

Wobei auch der Begriff "Live" schon lange nicht mehr deckungsgleich mit der Gegenwart ist. In den USA wird oft mit einer siebensekündigen Verzögerung ("Timeslip") gesendet, die den Produzenten die Möglichkeit geben soll, notfalls in das Geschehen einzugreifen. Als Janet Jackson und Justin Timberlake nach dem sogenannten Nipplegate beim Super-Bowl im Februar 2004 an der wenig später stattfindenden Grammy-Verleihung teilnehmen sollten, gab der Fernsehsender CBS sogar offiziell bekannt, die Verleihung zeitverzögert ausstrahlen zu wollen, um Schutz vor "unerwarteten und unangemessenen Inhalten" zu bieten. Jackson hatte während des US-Football-Finales vor rund 100 Millionen Zuschauern publikumswirksam größere Teile ihrer Oberweite entblößt und für einen Eklat gesorgt.

Auch als im Juni dieses Jahres in Guantánamo das Militärgerichtsverfahren gegen die mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 begann, wurden die Aussagen der Angeklagten mit 20-sekündiger Verzögerung in den Saal übertragen, in dem die Journalisten dem Verfahren folgten. Dadurch sollte dem Richter die Möglichkeit gegeben werden, die Übertragung zu unterbrechen, sobald Staatgeheimnisse zur Sprache kamen.

Malt man sich die vollautomatische Zensur in einem digitalen Telefonsystem aus, wird sofort klar, welche Bedeutung sie für ein totalitäres Regime hätte. Mobiltelefone haben sich nicht nur in Burma als hilfreiche Geräte für Regimekritiker und Dissidenten erwiesen, um ihre Botschaften zu verbreiten.

Dass Verzögerungen nicht nur taktische Vorteile bringen, musste übrigens ein Brite erfahren, der gegen seine nach seiner Auffassung unberechtigte Entlassung klagen wollte. Da sein Einspruch ein ganz klein wenig zu spät ankam, wurde die Klage abgewiesen. Der Mann beteuerte, er habe den Einspruchstext um eine Minute vor Mitternacht am Stichtag abgeschickt. Die Mail erreichte die Server des Gerichts leider erst um 0 Uhr und 9 Sekunden. (wst)