Wenn die kleine Gier kommt

Der unbezähmbare Impuls des Unbedingthabenwollens ist keine Domäne von Bankvorständen und Hedgefonds-Managern. Im Netz kann es jeden erwischen.

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Von
  • Peter Glaser

Was treibt im menschlichen Leben ist der Mangel. Dauernd fehlt etwas. Immer ist etwas zu wenig. Ein feinfaseriges Leid durchzieht den Menschen. Er sehnt herbei, er wĂĽnscht und diesem Wunsch tritt die Ware entgegen. Im Akt des Erwerbens materialisiert ein GlĂĽck, manchmal jedenfalls. Etwas wird zur Habseligkeit. Im Internet kommt sie uns federleicht entgegen...

Ganz so einfach läuft es aber nicht, denn der Mensch ist ein großes Gefühlstier. Das heißt: Er ist den verschiedensten Empfindungswetterlagen ausgesetzt und schwankt. “Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft”, wußte bereits Kurt Tucholsky.

Wer schon mal durch die Unendlichkeit der Online-Auktionate gestromert ist, wird schnell sehen: Es gibt längst mehr als alles. Zugleich leben wir in einer Zeit, in der das Unstillbare zunimmt. Immer mehr von dem, was wir von der Welt sehen, liegt hinter Glas – Auslagen, Fernseher, Computermonitore. Aus diesen virtuellen Vitrinen lassen wir uns anfluten von den Rufen der Waren. Wir alle gehören noch nicht Dir!, säuseln die Dinge. Ebay & Co. gehören zu den magischen Schleusentoren, die einem den Weg in die Welt hinter dem trennenden Glas eröffnen.

Eigentlich will man ja gar nichts kaufen. Nur gucken. Man ist ein abgeklärter Konsument, der dem ganzen schnöden Tand distanziert gegenübersteht. Aber was ist das? Die erste Lego-Garage mit dem roten Kipptor, aus den sechziger Jahren.

Ich muß diese Garage wiederhaben, um endlich mal in Ruhe fertigspielen zu können. Ein Jagdinstinkt ist geweckt. Es ist die Gier. Auch wenn sie klein ist, sie ist häßlich und gemein. Das Habenwollen ist ein zwar ziemlich zügelloses, aber herrliches Bedürfnis. Mit der selben Todesverachtung, mit der man als eigentlich umweltbewusst denkender Mensch plötzlich mitten im Winter in einem Gierschub frische Erdbeeren vom anderen Ende der Welt haben will, gibt man ein Gebot auf die Lego-Garage ab. Gram vor Sorge um den Sieg scannt man jede Regung der Mitbieter, dieser abgefeimten Asseln.

Ich war mal in einem Spielcasino. Hinter mir am Roulettetisch stand eine elegant gekleidete ältere Dame, die sich sekundenlang in ein Monster verwandelte. Sie drängelte sich vor, indem sie mir einen Ellbogen in den Bauch rammte, knallte einen Stapel Jetons auf den grünen Filz – und hatte sich auch schon wieder zurückverwandelt. Es ist ein Aberglaube, dass die fünf Sekunden zwischen der Ansage “Nichts geht mehr!” und dem Moment, an dem der Croupier nachträglich gesetzte Chips wieder zurückschiebt, besonderes Glück bringen. Die Uhr bei Auktionen läßt sich auf solche Spielchen nicht ein. Aber dass man sich aus einem (einigermaßen) zivilisierten Wesen in ein aus den Tiefen des Alls herabstürzendes grünes Giermänchen verwandeln kann, überrascht (und unterhält) einen dann doch.

Und es sind nicht nur die dramatischen Emotionen, die losgetreten werden. Da wäre zum Beispiel das feine, sensible Habenwollen – ein scheues Gefühl. Wenn mehr als ein, zwei andere Interessenten ebenfalls auf das Objekt der Begierde bieten, mag man manchmal schon nicht mehr mitmachen. Oder die Mysterien des Geschmacksempfindens, nach denen man festsetzt, wie toll man ein Ding findet und die ähnlich mysteriös sind wie die Kriterien in der persönlichen Adressliste, den einen unter seinem Vornamen alphabetisch zuzuordnen und den anderen nach dem Nachnamen. Tage später steht die Garage vor mir. Kaufreue. Dann schimmert das hübsche Beutestück aber doch. (wst)