Einfache Message, komplexe Wirklichkeit
Kein Monat vergeht ohne Bio-, pardon Agrosprit-Bashing. Dabei wissen auch Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, dass pflanzliche Kraftstoff sinnvoll eingesetzt werden können. Aber sie sagen es uns nicht.
- Niels Boeing
Kein Monat vergeht ohne Bio-, pardon Agrosprit-Bashing. Sicher ist eine Kritik an Kraftstoffen aus Energiepflanzen notwendig. Dennoch ärgert es mich geradezu, wie radikal sich Umwelt- und Entwicklungsorganisationen gegen Pflanzenkraftstoffe positionieren.
In der Aufmerksamkeitsökonomie der politischen Auseinandersetzung mag das eine vernünftige Strategie sein. Wer jedoch eine "eindeutige Message" über alles stellt, nimmt letzlich die Verbraucher kaum ernster als eine Industrie, deren simple Slogans kritisiert werden. Den Verbrauchern, scheint es, wird nicht zugetraut, sich mit der Komplexität der Materie auseinandersetzen, Argumente abwägen zu können.
Zum Teil ist sicher auch eine durch jahrelanges "Gesundschrumpfen" ĂĽberforderte Medienbranche schuld, die nur noch einfache KĂĽchenzurufe verdauen kann. Herauskommt in jedem Fall eine verkĂĽrzte Debatte in schwarz-weiĂź.
Natürlich weiß man auch bei den Umweltorganisationen, dass Biokraftstoffe sinnvoll verwendet werden können. Die Differenzierung muss man allerdings im Kleingedruckten suchen. Ein Beispiel ist die vergangene Woche veröffentlichte Studie des BUND "Für Fleisch nicht die Bohne. Futter und Agrokraftstoff – Flächenkonkurrenz im Doppelpack". In der Kurzfassung findet sich nämlich auch dieser Satz: "Der Einsatz von Agrarkraftstoffen in der Landwirtschaft – zumal von hofeigenen Erzeugnissen – kann dagegen durchaus nachhaltig und sinnvoll gestaltet werden mit weiten Fruchtfolgen und Mischfruchtanbau."
Interessant, dass hier plötzlich nicht von "Agro-", sondern von "Agrarkraftstoffen" die Rede ist. Klingt nicht ganz so agro. Tatsächlich könnte sich mindestens die hiesige Landwirtschaft komplett und nachhaltig selbst mit Pflanzensprit versorgen. Sie verbraucht jährlich laut Statistischem Bundesamt ca. 330 Millionen Liter, was allerdings nur ein kleiner Teil des deutschen Kraftstoffverbrauchs ist. Beim BUND erfährt man dazu, dass dieser Anteil unerheblich für die Gesamtdebatte sei. Dezentralität und Autarkie bei Kraftstoffen seien der Landwirtschaft vorbehalten.
Warum eigentlich? Sind sie nicht wesentliche Teile des Konzepts der Nachhaltigkeit?
Die österreichischen Agrarforscher Thomas Amon, Alexander Bauer und Christian Leonhartsberger haben kürzlich ein integriertes Gesamtkonzept aus Landwirtschaft und Bioenergieproduktion durchgerechnet (auf S. 162ff der November-Ausgabe von W&U). Danach könnten bis zu 92 Prozent des Energiebedarfs des europäischen Straßenverkehrs ökologisch nachhaltig und sozial verträglich von der europäischen Landwirtschaft selbst produziert werden – ohne Nahrungsmittelkonkurrenz und ohne Biokraftstoff-Importe. Der größte Teil entfiele hierbei auf Biomethan für gasbetriebene Fahrzeuge, die allerdings eine neue Tankstellen-Infrastruktur bräuchten. Amon und Kollegen behaupten nicht, dass dies die Lösung wäre. Aber sie zeigen, dass wir noch einmal neu über Bio- und Agrarkraftstoffe nachdenken sollten.
Für Entwicklungs- und Schwellenländer sind diese dann eine Option, wenn sie nicht für den Weltmarkt produziert werden. Dezentral und autark eben. Das funktioniert in der Praxis bereits in ersten lokalen Projekten, die die genügsame Jatropha-Pflanze verwenden. Die britische Hilfsorganisation Oxfam, die vor einigen Monaten in einem Report Biosprit geißelte, wisse sehr wohl um das Potenzial von Energiepflanzen für diese Länder, sagte mir der Jatropha-Experte Andreas Renner kürzlich. Aber auch sie wolle dies nicht öffentlich äußern, um ihre "klare Botschaft" nicht zu gefährden.
Richtig ist: Bio- oder Agrarkraftstoffe sind dann schädlich, wenn sie Gegenstand der globalen Freihandelsideologie werden. Natürlich ist es Wahnsinn, wenn etwa afrikanische Länder Energiepflanzen für den Export anbauen und gleichzeitig Erdöl importieren müssen, wenn Regenwald für Energiepflanzenmonokulturen weicht. Aber es sind die Quoten für die Beimischung von Biodiesel oder Bioethanol zu fossilen Kraftstoffen, die diesen Wahnsinn in Gang gebracht haben.
Noch einmal: Als ausschließlich regionale Übergangslösung weg vom Öl ist Biosprit höchst sinnvoll.
Die Lösung schlechthin sind sie selbstverständlich nicht. Wer das fossile Kraftstoffproblem lösen will, muss auch die heutigen Mobilitätsmuster anpacken – also keine sportiven Stadtpanzer mehr fördern, die automobile Pendelei in den Ballungsräumen beenden, den öffentlichen Nahverkehr ausbauen.
Aber auch Verkehr zu reduzieren ist nur eine Teillösung. Es geht jetzt darum, alles zusammenzudenken: Energie, Landwirtschaft, Mobilität, Entwicklungspolitik. Ein pauschales Agrosprit-Bashing liefert da nur eine weitere billige Entschuldigung, die Hände in den Schoß zu legen.
Mehr zum Thema "Bioenergie" gibt es – nicht schwarz-weiß – im Fokus der Dezember-Ausgabe von Technology Review, die ab morgen, 14.11.2008, am Kiosk erhältlich und ab sofort hier portokostenfrei online zu bestellen ist. (wst)