Große Preise, kleine Namen

Gleich zwei japanische Wissenschaftspreise versuchen den Nobel-Preis zu überholen. Aber es will ihnen einfach nicht gelingen, ausreichend an internationaler Bedeutung zu gewinnen.

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Von
  • Martin Kölling

Manchmal kann Japan auch mich noch überraschen. Ein gutes Beispiel war am Montag die Preisverleihung zum "Kyoto-Preis". Nachdem ich an ihr teilgenommen habe, frage ich mich nicht mehr, warum Menschen außerhalb Japans diesen vom Gründer des japanischen Elektronikteileherstellers Kyocera, Kazuo Inamori, gestifteten Preis genauso wenig kennen wie den ebenso ambitionierten "Japan-Preis", den der Gründer des größten Elektronikkonzerns der Welt, Panasonic-Vater Konosuke Matsushita, ins Leben gerufen hat. Auf der deutschen Wikipedia-Seite wird der Kyoto-Preis im Artikel über den Nobel-Preis nicht ein Mal erwähnt, obwohl es Querverweise auf andere Preise (unter anderen den Japan-Preis) gibt.

Am Preisgeld kann es nicht liegen. Mit 1,5 Millionen auf drei Kategorien aufteilten Dollars liegt der Preis weltweit in der Spitzengruppe. Drüber gibt's eigentlich nur noch den Nobel-Preis, der jedoch oft seine für jede Kategorie ausgeschütteten 1,3 Millionen Dollar auf mehrere Preisträger verteilt. An der Zeremonie liegt es auch nicht. Die war mit ihrem erstaunlich gelungenem Vereinigung urtraditioneller Elemente der japanischen Kultur mit den Ergebnissen moderner, globalisierter Spitzenforschung durchaus sehenswert.

Vor den Türen zelebrierten fremdländische Gestalten aus Thailand, Frankreich und den USA in Kimonos die urjapanische Teezeremonie für Japans anwesende High-Society. Innen im Saal folgte auf die moderne Ouvertüre des japanischen Komponisten Nobuyoshi Koshibe, der sich seinen Ruhm unter anderem mit der musikalischen Untermalung von japanischen Anime-Zeichentrickfilmen verdient hat, ein traditionelles Noh-Theaterstück. Die Preise selbst wurden von alten Herren in westlichen Anzügen und drei jungen Damen in knallbunten Seidenkimonos übergeben. Die Lobreden waren angenehm kurz, ebenso wie die Dankesreden der drei Preisträger. Und fürs Herz schmetterte ein in grellen Kimonos bekleideter Jungmädchenchor begleitet vom Symphonieorchester der Stadt Kyoto sentimentale Lieder. Drei der "Engel" (wie einer der Preisträger die Grundschülerinnen später titulierte) überreichten den ergrauten westlichen Ausgezeichneten zur Begeisterung des Publikums mit einem niedlichen Seitwärtsknick kleine Andenken.

Auch der Preis an sich kommt in der Fachwelt gut an. "Es ist die höchste Erfahrung für mich", sagte Richard Manning Karp, der in der Kategorie "Fortschrittliche Technik" für seine Beiträge zur Komplexitätstheorie in der theoretischen Informatik mit 500.000 Dollar Preisgeld beschenkt wurde. "Ich bewundere die humanistische Philosophie Inamoris, die dem Kyoto-Preis zugrunde liegt", sagte Karp und schien das nicht nur aus Höflichkeit zu sagen.

Der Philanthrop Inamori, der vor 49 Jahren Kyocera und vor 24 Jahren den Kyoto-Preis gegründet hat, hat nämlich verfügt, dass sein Preis in den Kategorien "Fortschrittliche Technik", "Grundlagenforschung" sowie "Kunst" und "Philosophie" an Personen verliehen wird, die "bedeutende Beiträge für die wissenschaftliche, kulturelle und spirituelle Verbesserung der Menschheit beigetragen haben". Der Japan-Preis geht ebenfalls an Menschen, deren Arbeit einen großen Beitrag für die Veränderung der Gesellschaft geleistet hat. Beide Preis sind daher stärker an der gesellschaftlichen Wirkung orientiert als der Nobel-Preis. Der Grundlagenforscher, Anthony James Pawson Molekularbiologe am Samuel Lunenfeld Institut des kanadischen Mount Sinai-Krankenhauses, ergänzte, dass der Nobel-Preis durch seine Spezialisierung weite Forschungsbereiche unbeachtet lasse.

Er, der den Informationsübertragungsmechanismus von Zellen herausgefunden und damit die Entwicklung neuer Medikamente gegen Krebs ermöglicht hat, hätte vielleicht noch Chancen auf höchste schwedische Ehren. Hingegen können Mathematiker und Informationstechnologen wie die Väter des Internet, Vint Cerf und Robert Kahn, die 2008 für ihre Entwicklung des TCP/IP-Protokolls mit dem Japan-Preis ausgezeichnet wurden und nun im Falle Cerfs an der Ausdehnung des Netzes bis ins Weltall arbeiten, ungeachtet der epochalen Bedeutung ihrer Arbeit für die Menschheit niemals nobelgepriesen werden.

Der dritte Kyoto-Preisträger Charles Margrave Taylor, der als kanadischeer Philosoph die philosophischen Grundlagen einer multikulturellen Gesellschaft gelegt hat, glaubt daher: "Der Kyoto-Preis ist noch kein allgemein bekannter Begriff, aber er wird von Jahr zu Jahr wichtiger." (Und nebenbei bemerkt sagte er mir auf Deutsch: "Die Deutschen sagen: Multikulti ist gescheitert. Das zeigt nur, dass sie nicht über die richtige Art einer multikulturellen Gesellschaft nachdenken.")

Dass der Bekanntheitsgrad der beiden hochdotierten japanischen Preise ungeachtet der guten Vorarbeit nur im Schneckentempo zunimmt, haben sich die Organisatoren selbst zuzuschreiben. Das Marketing entspricht schlicht nicht den Anforderungen der globalen Informationsgesellschaft. Immer wieder schaffen die mit Professoren, gehobenen Firmenmanagern und Topbürokraten bestückten Führungen der Stiftungen es, sowohl Preisankündigung wie -verleihung jegliche Spannung zu nehmen. Die Lobreden auf die Wissenschaftler beispielsweise waren derart speziell, dass wohl kaum ein Anwesender verstand, welchen Beitrag zu was die Arbeiten der Forscher nun eigentlich geleistet haben (das allerdings hat der Japan-Preis besser drauf). Viele Anwesende nickten in dieser Zeit ein. Und die anschließende Pressekonferenz brachte die Weltferne und Japanbezogenheit der Organisatoren erst so richtig ans Licht. Die Namensschilder der Jury wie auch der Preisträger waren nur auf japanisch geschrieben. Offenbar gehen die Organisatoren nicht davon aus, dass ihr Preis im Ausland auf Echo stoßen könnte.

Das ist schade. Denn die Leistungen der Preisträger gehen unter. Wer weiß schon, welche Deutschen den Kyoto-Preis erhalten haben. Beim Indologen Paul Thieme sei es verziehen, der hat den Preis 1988 bekommen. Aber wussten Sie, dass 2004 der Philosoph Jürgen Habermas das Preisgeld einstecken durfte und 2007 die Choreographin Pina Bausch. Und erinnern Sie sich, dass Peter Grünberg für seine Entdeckung des Riesenmagnetwiderstands und die darauf folgende Revolution der Festplatten 2007 zuerst mit dem Japan-Preis ausgezeichnet wurde, bevor das Nobel-Komitee auf ihn aufmerksam wurde? Eben. (wst)