Brechungen

Schätze der Menschheit: Goldmasken, Wasser und das Wissen über technische Transformationen.

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Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Neulich bin ich von Berlin nach Düsseldorf gereist, um mich vor eine neuseeländische Brandung zu setzen und an einen neuseeländischen See, um der Sonne beim Aufgehen zuzusehen und den morgendlichen Tierlauten zuzuhören. Ich saß noch im Zug und dachte darüber nach, wie sonderbar es doch ist, dass uns virtuelle Welten in der nichtvirtuellen Welt herumschicken, als mir mein erste Besuch im ägyptischen Museum in Kairo einfiel. Ich hatte den Führern zugesehen, die ihre Reisegruppen mit den Lichtstrahlen ihrer Taschenlampen auf Einzelheiten der hinter Glas ausgestellten Relikte aus großer Zeit aufmerksam machten und beobachtete die jungen amerikanischen Touristen, die vor der Goldmaske des Tutanchamun standen, bewundernd, aber auch ein wenig enttäuscht darüber, dass kein Autogramm zu kriegen war.

Einer der Amerikaner – wir befinden uns in der Mitte der achtziger Jahre – stand mit geschulterter Videokamera vor dem Eingang des Raums mit der Goldmaske. Neben der Tür hing eine auf Wandformat vergrößerte Schwarzweissfotografie, die das Grab des Tutanchamun zeigte, nachdem es von dem Archäologen Howard Carter geöffnet worden war, nebenbei ein ziemliches Durcheinander. Was ich allerdings bemerkenswerter fand, war die Tatsache, dass da jemand ein Foto filmte. Es ist der Reiz, die Ebene zu wechseln oder sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig aufzuhalten. Es ist das spezielle Vergnügen an Alice im Wunderland, mit der man durch den Spiegel in ein Nonsense-Universum tritt, der Stargates der Science Fiction-Literatur und der sich aufblätternden Bücher in alten Zeichentrickfilmen, deren Illustrationen plötzlich zu leben beginnen, ehe man ganz in sie und ihre Geschichte eintaucht.

Dann war ich in Düsseldorf und tauchte in die neuseeländischen Gewässer ein. Manfred Waffender, der an der Robert Schumann-Hochschule Mediendramaturgie unterrichtet, hatte sich vor Monaten auf die Suche nach Orten begeben, an denen man die Anwesenheit des Menschen auf diesem Planeten nicht wahrnehmen kann. Von drei solchen Orten wollte er eine jeweils 45 Minuten lange, stehenden Einstellung anfertigen, mit der besten Aufnahmetechnik, die es gibt. In Europa ist ein solcher Ort der Natur nicht mehr zu finden. In Neuseeland gibt es noch welche. Und da waren sie, places_in _time. Überwältigende Bilder und vor allem: die überwältigende Gegenwärtigkeit des Hörbaren. Man täuscht sich, wenn man meint, das große Bild erzeuge das große Gefühl im Kino.

Drei Einstellungen, ein See, ein Bach, ein Strand. Der Ort ist der Held der Geschichte und die Geschichte ist das, was die Zeit mit dem Ort macht. Kameraleute, Tontechniker und Regisseur sind still. Ihre Aufgabe während der Aufzeichnung bestand darin, nicht mehr vorzukommen. Nun beginnt etwas Neues. Ab jetzt werden wir uns medial an einen Ort erinnern können, an den Ort selbst. Wir werden nicht mehr nur flüchtige Zeichen eines Orts bewahren können, oder einen der unendlich vielen Momente, an denen Menschen einen Ort durchqueren oder mit einem Maschinengeräusch berühren. Ein Ort kann nun zu Menschen gebracht werden, die den Ort sonst in ihrem Leben wahrscheinlich nicht sehen würden. Es sind nicht nur Tiere und Pflanzen, die in Gefahr sind, vom Gesicht der Erde zu verschwinden, es sind auch Orte, die doch der Welt und uns gehören sollten.

Zum ersten Mal fiel mir meine Kulturgläubigkeit auf. Das bisher nahtlos geschlossene, ungestörte Gefühl, dass Film, Ton, Bild und Text jede Wirklichkeit heranzutransportieren imstande sind, hatte plötzlich einen Knacks. Aber wie es in einem Lied von Leonard Cohen heißt: "There is a crack in everything, that's how the light gets in." Manfred Waffender und die Wasser von Neuseeland (und die Speerspitze der Aufnahme- und Wiedergabetechnik) haben mir gezeigt, mit welcher Klarheit wir heute der Natur ansichtig werden können, wenn wir uns kunstfertig der Mittel bedienen, durch die wir uns so weit von ihr entfernt haben, wie es der griechische Wortstamm "Tele" täglich milliardenfach benennt. (wst)