Popmobil statt synthetischem Hengst
Die Autoindustrie hat zwar die heraufziehende Krise nicht verschuldet. Aber gut vorbereitet scheint sie auch nicht zu sein - da mĂĽssen wohl noch ein paar Innovationsprozesse optimiert werden.
- Niels Boeing
Dem US-Autohersteller General Motors steht das Wasser offensichtlich bis zum Hals, wenn er per Youtube-Video nach Hilfe ruft. So schlimm ist es um die deutschen Marken zwar (noch?) nicht bestellt, aber auch hierzulande soll der Staat schon mal eine Infusion vorbereiten. Es geht hüben und drüben um Millionen Arbeitsplätze. Dass Millionen Verbraucher ihr Geld lieber zusammenhalten – sofern sie es noch haben –, kann man auch nicht der Autoindustrie anlasten (obwohl die auf den Finanzmärkten längst selbst mitmischt).
Und dennoch ist einiges faul im Staate Dänemark. Manchmal sind es nur irritierende Kleinigkeiten, wie jene Pressemeldung der Technologieberatung Invensity vor zwei Wochen. Ihr Report zeige, "Entwicklungen beim Infotainment die Innenausstattung von PKW in den nächsten Jahren am stärksten verändern werden. 94,7 Prozent der befragten Fachleute schreiben Informations- und Unterhaltungstechnologien großen Einfluss zu, deutlich mehr als den Bereichen 'Emissionseinsparung' (63,2 Prozent) und 'Sicherheit' (57,9 Prozent)." Infotainment wichtiger als Emissionseinsparung – welche Fachleute wurden da bitte befragt? Eine andere Irritation sind diese unlustigen Werbespots im Fernsehen. Wir haben 2008, und in jedem Werbeblock werden mir immer noch mindestens zwei SUVs ins Auge gedrückt.
Keine Kleinigkeit ist jedoch die Gewichtszunahme der Autoflotte in den vergangenen Jahrzehnten. Waren 900 Kilo Anfang der siebziger Jahre noch eine Menge, wĂĽrde so ein Wagen inzwischen als Fliegengewicht gelten. Normal sind heute 1100 Kilo und mehr. Die Zunahme folgt demselben Wachstumstrend wie alle anderen Verbrauchswerte der modernen Zivilisation, vielleicht nicht ganz so steil, aber immer noch bedenklich.
Zwar versuchen die Autohersteller hier mit konsequentem Leichtbau entgegenzusteuern. Aber das will offenbar nicht so richtig gelingen: Nicht nur wird jedes eingesparte Gramm wieder für mehr Ausstattung und Elektronik ausgegeben. Es rächt sich auch, dass der Leichtbau in der Prozesskette der Hersteller offenbar hinten angeflanscht wird. So interpretiere ich den bemerkenswert ehrlichen Vortrag, den Wolfgang Geisler, im Innovationsmanagement bei VW tätig, gestern auf dem Symposium von Nano- und Materialinnovation Niedersachsen hielt. Der Leichtbau sei eigentlich wegen zahlreicher Anforderungen eine komplexe Aufgabe, die für die Entwickler und Konstrukteure "nicht geschlossen lösbar" sei. Ergebnis: Die Komplexität wird zerlegt, die Teilaufgaben sequentiell abgearbeitet. Und der Leichtbau wandert dann ans Ende der Kette und wird zur bloßen Materialsubstitution. Das aber genüge nicht, so Geisler, weil eigentlich die gesamte Konstruktionskette verändert werden müsste. "Optimieren Sie nicht nur das Teil, optimieren Sie die Prozesskette".
Der Sachverstand in der Autoindustrie ist da, keine Frage. Aber vielleicht sollte Geislers These als Ganzes auch auf den Innovationsprozess von Autoherstellern angewendet werden: "Optimieren Sie nicht nur Prozesse, optimieren Sie das Innovationsverhalten."
Schaut man sich etwa die Kurve der Gewichtszunahme von Automodellen an, knickt sie ab Mitte der achtziger Jahre nach oben. Zu der Zeit spielte Leichtbau keine nennenswerte Rolle. Klimawandel, CO2-Reduktion und endliches Öl waren aber auch vor 20 Jahren schon ein Thema. Aber der Traum vor allem männlicher Autokäufer vom synthetischen Hengst ohne Tempolimit wog schwerer.
Ein anderer VW-Vertreter präsentierte gestern eine Folie mit den großen Innovationstreibern. Klimaschutz oder Nachhaltigkeit waren nicht darunter. Dem Lupo bescheinigte der VW-Mann noch mal, zu wenig Raum und Komfort geboten zu haben. Jetzt biete man 5-Liter-Wagen mit Raum und Komfort, dass sei dann in der Summe doch besser als der Lupo. Nein, auch 5 Liter sind noch zuviel. Die Alternativkonzepte sind alle längst da – aber der Druck fehlt. Die Politik sollte deshalb, wenn sie den Autoherstellern schon unter die Arme greift, das gleich mit Umweltauflagen verbinden. Wer Eingriffe in den Markt verlangt, und nichts anderes wären solche Hilfen, muss solche Auflagen abkönnen. Schluss mit dem ganzen Geplänkel von wegen "Selbstverpflichtung" und "wir kriegen das alleine hin".
Zum Schluss noch ein Gedanke: Ich selbst habe seit vielen Jahren kein Auto mehr, und das meiste, was auf unseren Straßen unterwegs ist, möchte ich nicht mal im Lotto gewinnen. Aber genauso, wie sich viele Leute inzwischen Handys wünschen, die einfach nur telefonieren, würde ich mir ein Stadtauto wünschen, das zuerst nur fährt – und zwar ohne schnickschnack, am besten elektro, leise und CO2-neutral, knallbunt, vielleicht im Lichtenstein-Look.
Artikel aus älteren Technology-Review-Ausgaben zum Thema:
- "Gewichtsspirale stoppen"
Mit neuen Werkstoffen und Konstruktionsverfahren versuchen Autobauer, der ausufernden Gewichtszunahme Einhalt zu gebieten. Von Gregor Honsel, TR 9/2008
- "Mit Vollgas in die Krise"
Einfach die besten Autos der Welt zu bauen, wird in Zukunft nicht mehr gut genug sein. Die Auto-Branche ist eingekeilt zwischen Kosten- und Innovationsdruck: Was es braucht, sind radikal neue Strukturen, neue Konzepte und neue Ideen. Von Markus Honsig, TR 5/2005
(wst)