Der planetare Selbstbetrachtungsapparat

Das Netz, der Datenraum, die digitale Welt, ist alles andere als ein Kontinuum. Es ist vielmehr eine holpernde Angelegenheit, die uns ein völlig falsches Bild von uns selbst vermittelt.

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Von
  • Peter Glaser

Der Spätherbst und eine neue Firefox-Extension namens Tark erinnern mich an die Frage der Übergänge, die in der digitalen Welt noch fast vollkommen ungelöst beziehungsweise in einer frühsteinzeitlichen Verfassung ist. "Tark" steht für "Temporary Bookmarks" und hilft einem dabei, vernünftig mit Bookmarks umzugehen, die nur begrenzte Zukunftsaussichten haben, zum Beispiel Anregungen für Blog-Postings, die nach einer Zeit nicht mehr aktuell sind oder Auktionen, die nur eine bestimmte Weile laufen.

Unterstützt von einem Blick hinaus in den Hof, wo das letzte Laub in den verklingenden Herbstfarben herumliegt, weist die kleine Extension mich wieder mal darauf hin, dass – wie wollen wir's heute nennen? – das Netz, der Datenraum, die digitale Welt alles andere als ein Kontinuum ist, vielmehr eine holpernde Angelegenheit, die uns ein völlig falsches Bild von uns selbst vermittelt. Der Computer ist der Hort dessen, was in Wissenschaft und Technik "diskret" heißt, des gestuften, jähen Übergangs nämlich. Zwischen null und eins gibt es kein Bisschen, kein Zirka, kein Fließen. Klick, Null. Klack, Eins. In rasender Geschwindigkeit und haufenweise ausgeführt ergibt das Ganze zwar, ähnlich wie beim raschen Abspielen einzelner Filmbilder, einen Anschein von Bewegung. Das Nichtkontinuierliche lugt aber an jeder Ecke als fundamentaler Mangel aus dem System.

Es ist eine verkehrte Welt. Wo man sich den Übergang diskreter gar nicht wünschen könnte, etwa beim Start eines Computers, marmelt die Maschine minutenlang durch mühseliges Bootgeschehen ins Ansein hinüber. Hier würde man gerne auf weiche Übergänge verzichten – während Browserfenster, die sich im Aufgehen sachte ans Bildschirmglas hauchen, darüber hinwegtäuschen, dass das zentrale Element aller angezeigten Webseiten, nämlich der Link, starr und unflexibel wie Gusseisen ist. Darüber habe ich mich bereits verschiedentlich beschwert. Links funktionieren immer noch stumpf wie eine mechanische Schaltverbindung, man klickt auf A und in B fällt ein Sack Reis um.

Niemand scheint sich richtig dafür zu interessieren, dass wir hier heraußen in einem indiskreten Kontinuum leben. Das ist eine ziemlich feine Sache, jedenfalls so lange das Herbstlaub in seinen schönen Farbverläufen nicht die Dachrinne verstopft, und würde es auf jeden Fall verdienen, auch in digitaler Form abgebildet zu werden. Der Nützlichkeitsaspekt von Technik verstellt den Blick auf das größere Bild. Denn Technologien sind, wie alle anderen Kulturformen, Ausdruck von etwas, das in uns rumort und das wir im wahrsten Sinn des Wortes begreifbar zu machen versuchen. Technologien sind immer auch Modelle, die wir von uns selbst entwerfen, komplexe Spiegel von Bewußtseinszuständen, anhand derer wir uns selbst ein bißchen besser zu verstehen versuchen.

Vernetzte Computer sind die derzeit weitreichendsten dieser Spiegel. Aber wenn sie uns bloß zeigen, dass das Gedächtnis “funktioniert wie eine Festplatte” und Erinnerungen “gelöscht” und “gespeichert” werden können, statt, wie wir selbst es seit Jahrtausenden beherrschen, Gedanken in weichen Übergängen handzuhaben, in verblassenden Wichtigkeiten und organischen Prozessen des Verwelkens und der Veränderung, dann sind sie erst einmal ein bemerkenswerter Rückschritt. Andere Technologien, etwa Sprache und Schrift oder die Ausdrucksmethodiken der Kunst, geben uns einstweilen noch viel entwickeltere Vorstellungen von uns selbst als der ganze planetare Selbstbetrachtungsapparat des Netzes. Das muß aber nicht so bleiben. | (wst)