AIDS ist immer noch tödlich
Neue Medikamente haben der Immunschwächekrankheit ihren Schrecken genommen, doch die Zahl der jährlich neu infizierten hat sich seit den 90ern verdoppelt.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Mal ehrlich, erinnern Sie sich an die aktuelle Kondom-Werbung aus dem Kino? Nein? Mir fiel sie auch erst wieder ein, als gestern Abend anlässlich des Welt-AIDS-Tages die ARTE-Sendung „AIDS – die vergessene Krankheit?“ einen Schnelldurchlauf bisheriger Werbekampagnen zeigte. Es sind die beiden sprechenden Kondome auf dem Nachttisch, die in hessischer Mundart über Bezeichnungen wie Lümmeltüte und über die Jugend von heute schimpfen, die – im Hintergrund beim Schmusen zu sehen – wahrscheinlich wieder nicht an Schutzmaßnahmen beim Sex denken würde. Im Werbefilm denkt sie dann doch daran.
Doch in Wirklichkeit erreichen solche Botschaften die Leute nicht mehr. Das liegt nicht (nur) daran, dass die beiden sprechenden Kondome etwas langweilig daherkommen. Es gibt ja auch pfiffige Werbung wie die Plakate aus der „Mach’s mit“-Reihe, die mit ihren kurzen, lustigen Sprüchen jahrelang im Gedächtnis haften bleiben („Heute Abend mal das kleine schwarze“). Nein, AIDS hat durch immer bessere Medikamente, die die tödliche Immunschwäche inzwischen um Jahrzehnte hinauszögern oder zumindest abschwächen können, seinen Schrecken verloren. In den Köpfen hat sich das Bild festgesetzt, die ehemals tödliche Seuche sei eine behandelbare Erkrankung geworden, mit der man alt werden kann. Titelzeile der WELT von gestern: „Neue Wirkstoffe revolutionieren die HIV-Therapie“.
Das ist schon richtig, dennoch ist die Zahl der Menschen, die sich jährlich in Deutschland mit dem HI-Virus anstecken, von 2000 während der 90er-Jahre seit Beginn des neuen Jahrtausends auf 3000 pro Jahr heraufgeschnellt. Das klingt nicht nach viel, zumal sich in Afrika und Asien – oder noch näher in Rußland – viel mehr Menschen anstecken. Aber hier schweigt keine Regierung das Problem tot, und es gibt jede Menge Aufklärung. Trotzdem ist da diese Steigerung um 50 Prozent. Ärzte sehen heute AIDS-Patienten im Krankenhaus, die – seit sie von ihrer Erkrankung wissen – sich zum dritten Mal (!) gegen Syphilis behandeln lassen (ist ja mit Antibiotika auch behandelbar) und sich demzufolge wiederholt nicht geschützt haben.
Der Tagesspiegel hat es gestern treffend beschrieben: „Prävention vererbt sich nicht. Jede Generation muss aufs Neue aufgeklärt werden.“ Doch anscheinend braucht es dazu neue, frische Ideen. Wissenschaftler, die Schülern AIDS erklären wollen, stehen vor Klassen von 16-Jährigen, die auf alles „Wissen wir schon!“ antworten und offenkundig desinteressiert wirken. Perlen Werbung und Warnungen von ihnen ab? Wie kriegt man es in die Köpfe hinein, dass AIDS immer noch tödlich ist? Die Infizierten sterben immer noch an den Folgekrankheiten, gegen die sie ihr löchrig gewordenes Immunschild nicht mehr ausreichend schützen kann. Man müsse es so deutlich sagen, meint ein Arzt, sie krepierten, es sei ein kläglicher Tod.
Professor Jürgen Rockstroh, Präsident der Deutschen AIDS Gesellschaft, formulierte es in der ARTE-Sendung etwa so: Sexualität hat sich geändert. Die Leute reisen viel mehr. Auch der wachsende Drogenkonsum lässt die Menschen unvorsichtig werden. Wir müssten lernen, die Sprache derer zu sprechen, die heute sexuell aktiv sind.
Keine Frage, wir brauchen wirksame Medikamente zur Behandlung der Kranken, und ohne einen Schutzimpfstoff wird AIDS nicht besiegbar sein. Das allein wird aber nicht reichen. Wir brauchen mehr denn je verantwortungsvolles Verhalten beim Sex, denn der wirksamste Schutz sind immer noch Kondome. Dazu brauchen wir neue originelle, möglicherweise internationale Werbekampagnen, die auch die Rolle der Drogen berücksichtigen – und immer wieder Aufklärungsarbeit, Aufklärungsarbeit, Aufklärungsarbeit! Übrigens auch bei der katholischen Kirche und Regierungen wie China oder Südafrika. Wer sich gegen die Benutzung von Kondomen ausspricht und AIDS immer noch unter den Teppich kehrt, verhält sich fahrlässig und ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. (wst)