Angst um meine Sushi

Dass der weltweite Sushi-Boom den Thunfisch-Bestand gefährdet, ist bekannt. Neu ist: Es ist wohl schon bald soweit, dass die Fangquoten drastisch gesenkt werden müssen.

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Von
  • Martin Kölling

Er schmilzt im Mund, nicht auf dem Reis: Toro, das beste Stück vom Thunfisch. Doch nun gefährdet die Jagd nach dem fettigen Bauchfleisch der in Japan als Sushi-Auflage hoch geschätzten Meeresfrucht nicht mehr nur die Thunfischbestände, sondern auch die Fischer und Sushi-Chefs. Nachdem vorige Woche die Fangquote für den edlen Blauflossenthunfisch im Atlantik um 20 Prozent gekappt wurde, will nun die Internationale Fischereikommission für den westlichen und zentralen Pazifik in der kommenden Woche in Südkorea die Fangquote für die Billig-Alternative, den Gelbflossenthunfisch, um 30 Prozent senken.

Das würde besonders Japan hart treffen. Denn in den Netzen der Fischer aus der fernöstlichen Inselnation verfängt sich ein Großteil des Thunfischbestands, inklusive unschuldigem Beifang wie Delphinen. Vom weltweiten Blauflossenthunfischfang sollen sich drei Viertel auf japanischen Esstischen wiederfinden. Vom jährlichen 100.000 bis 150.000 Tonnen großen Fang des Gelbflossenthunfisches im Pazifik landet ein Fünftel in den Bäuchen japanischer Kutter.

Schuld am Raubbau ist mal wieder die Demokratisierung und Veralltäglichung teurer Leckerbissen durch den technischen Fortschritt. Bis zur Einführung der Mega-Schleppnetze und der Langleinen-Fängerei, bei der statt ursprünglich kaum mehr als einem halben Dutzend Tausende von Haken an kilometerlangen Leinen durchs Meer geschleppt werden, kam Toro von Thunfischen aus japanischen Küstengewässern auch in Japan nur Reichen in den Mund – oder Normalverdienern zu erlesenen Anlässen. Noch heute erzielt der beste Blauflossenthun eines Fangs auf dem japanischen Markt eine Wertschätzung von bis zu 100.000 Dollar. Inzwischen gibt es Toro in jedem Kaiten-Sushi-Shop, jenen Shops, wo die Sushi in Masse hergestellt und auf ein Fließband platziert zu den wie die Essroboter an einer Futterstraße aufgereihten Kunden transportiert werden.

Nach der Ausdehnung der Sushi-Kultur verzehren sich nun immer mehr Weltenbürger nach dem Thunfisch. Das Geschäft ist so lukrativ, dass illegaler Fischfang ein ernstes Problem ist. Nach Angaben der britischen Organisation Illegal-Fishing.info sind besonders aus Korea, Russland, Spanien und China kontrollierte Boote für die Untaten verantwortlich.

Ob die Senkung der Quote daher wirklich nutzt oder der Fang gar radikaler eingeschränkt werden muss, ist damit immerhin eine Frage wert. In Japan wird dieses Horrorszenario öffentlich allerdings kaum beschworen, wohl aber seit geraumer Zeit Alternativen entwickelt. So hat die Kinki-Universität es nach 30 Jahren geschafft, Thunfische in Gefangenschaft zu züchten und begann diesen Herbst den Verkauf von in Gefangenschaft gelegtem Laich an Fischfarmen. Es gibt einige interessante Ideen, wie die Umweltschädigungen durch riesige Schutzstationen minimiert werden können.

Allerdings soll Toro von in Gefangenschaft gehaltenem Fisch bei Weitem nicht so lecker sein wie der von wildem. Um den Fang leckerer Thunfische weiter zu gewährleisten, hat sich die Gemeinde Oma in Nordjapan deshalb eine besondere Idee ausgedacht: Zurück zu den Anfängen. Sie reserviert ihre Gewässer nur für ihre Fischer und erlaubt denen wiederum nur, mit einfachen Haken an Leinen und simplem Sonar und nicht auch mit Ködern bestückten Langleinen und Hightech-Ortung auf Fangfahrt zu gehen.

Und nun meine Fragen an mitlesende Fischereiexperten: 1. Mich wĂĽrde interessieren, ob sich die RĂĽckkehr zu nachhaltigem Fischen und damit dem Thunfisch zum Luxusgut nicht nur fĂĽr die Natur, sondern auch fĂĽr die Fischer rechnen kann. Wenn bei hoher Nachfrage weniger gefangen wird, sollte doch der Preis des einzelnen Fisches steigen?

2. Muss der Thunfischfang für eine zeitlang ganz verboten werden? Ich befürchte, dass angesichts der hohen Nachfrage der Verzicht auf das technisch Mögliche nur mit Zwang durchgesetzt werden kann, sprich einem Fangverbot. Mein allerdings schwacher Trost: Die Bestände des Thunfisches erholen sich anscheinend schneller als die von Meeressäugern, sodass ich nicht ein Leben lang auf meinen Toro verzichten müsste. Ein Modell geht davon aus, dass der Fang nach einem zehnjährigem Moratorium für 13 Jahre wieder aufgenommen werden kann, bevor er wieder für fünf Jahre unterbrochen wird. Während des Fangverbots gäbe es nur Thun aus der Farm. Die Zeit des Darbens wird also kommen, wenn nicht sofort, dann doch bald. Ich beginne schon mal, für Toro-Sushi-Jausen zu sparen. (wst)