Die Orwelette

Stephen Bakers Buch "The Numerati” ist eine Art Data-Minnesang. Angestimmt wird darin das Hohe Lied der Zahlen, die uns zunehmend umrauschen.

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Von
  • Peter Glaser

Stephen Bakers Buch "The Numerati” ist eine Art Data-Minnesang. Angestimmt wird darin das Hohe Lied der Zahlen, die uns zunehmend umrauschen. Persönliche Daten, Spuren im Netz und ihre durch massives Data Mining “veredelten” Neuzusammenstellungen - für Baker sind die Begleiterscheinungen zunehmender Lebensqualität und Bequemlichkeit. Zur Beunruhigung sieht er kaum Anlass.

In seinem Blog berichtet er von einem Leser, dem in einer Rezension des Buchs in der New York Times eine Bemerkung zur Gesundheitsversorgung besonders aufgefallen war: “Optimisten gehen davon aus, dass Data Mining für das Gesundheitssystem eine gute Sache ist, sie sagen eine Zeit voraus, in der vernetzte Gadgets unser Gewicht ermitteln werden, unsere körperlichen Aktivitäten und sogar die Zeit, die wir im Bad verbringen. Sie werden uns helfen, ein gesünderes, glücklicheres und längeres Leben zu führen.”

Der Leser fĂĽhrt hierzu ausfĂĽhrlich weitere Ăśberlegungen zu den vielen zu beachtenden Variablen bei dem Versuch aus, menschliches Verhalten - im speziellen Fall: von Angewohnheiten beim Austreten - vorherzusagen.

Bereits vor drei Jahren hat der seit den siebziger Jahren führende Toilettenhersteller Japans, die Firma Toto, im Zusammenarbeit mit dem Immobilienunternehmen Daiwa House Industry ein "intelligentes" Klo auf den Markt gebracht. Es führt selbständig Urinanalyse, Blutdruck-, Gewichts- und Körperfettmessung durch und erteilt am Ende "ohne menschliche Eingriffe" Empfehlungen zu Ernährung und Ausgleichssport.

Der Daiwa-Geschäftsführer war auf die Idee für die für 3.500 Dollar aufwärts erhältliche Sanitärenrichtung gekommen, nachdem er ein paar Jahre zuvor länger im Krankenhaus gewesen war und viele Patienten sah, die eigens zu Untersuchungen anreisten und mit Mengen von Medikamenten wieder zurück nach Hause fuhren. Er wollte Häuser anbieten, in denen man solche Untersuchungen zu Hause durchführen kann.

"Statt Gesundheitsuntersuchungen beim Arzt", warf CNN hierzu einen Blick in die Zukunft, “könnte künftig schon der Weg ins Badezimmer genügen.” Was in einem Land wie Japan motiviert wird durch ein kollektives, sehr starkes Bedürfnis nach Sauberkeit (beliebt sind beispielsweise antibakterielle Büroartikel), hat in den USA einen vollkommen anderen Hintergrund: In einem Land, in dem 46 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung leben, verheißen digitale Segnungen wie etwa Google erst einmal kostenlosen medizinischen Rat.

Auch eine von der TU Wien und der Forschungsgruppe fortec entwickelte europäische "Toilette mit Hirn hat sich bereits im Praxistest bewiesen. Sie ist dafür gedacht, Behinderten und altersschwachen Menschen hilfreich zu sein. Das intelligente Örtchen wird mit Daten auf Smartcards oder Sprachsteuerung über die Bedürfnisse des jeweiligen Benutzers informiert. Der britische Futurologe Ian Pearson ist der Auffassung, dass sich das herkömmliche Badezimmer in den nächsten zwei Jahrzehnten bedeutenden technologischen Umformungen unterziehen wird. So könnten "digitale Spiegel" den Menschen zeigen, wie sie aussehen könnten, etwa wenn sie sich an ihr Übungsprogramm oder ihre Diät halten, oder wie sich ein bestimmtes Makeup machen würde.

Wenn dann gelegentlich auf den hinteren Seiten des “Journal of the American Medical Association” von der CIA wieder mal “medical analysts” gesucht werden, “um die gesundheitliche Verfassung ausländischer Staatsoberhäupter und Terroristen einzuschätzen”, wird einem schnell klar, dass das komfortable kybernetische Klosett sich ohne weiteres auch als Orwelette nutzen läßt. Bei der CIA ist man seit Jahrzehnten um die Gesundheit der Anführer der Welt besorgt. “Das geht auf den Kalten Krieg zurück”, sagt der Geheimdiensthistoriker Jeffrey T. Richelson - “Da war zum Beispiel diese Geschichte, wie die CIA sich mal den Urin von Chrustschow erschlichen hat.”

Nicht jeder sieht die Numerati so euphorisch wie Stephen Baker. “Social Computing hat zu keiner neuen Form des menschlichen Miteinanders geführt”, schreibt der Organisationsexperte Dave Snowden, “was dadurch aber ausgelöst worden ist, sind Verständigungsmöglichkeiten über Beschränkungen und Grenzen hinweg. Wir sind nun in der Lage, ein globales Volk zu werden (beziehungsweise globale Völker) - sofern wir selbst die Veränderungen umsetzen, die uns die Technologie nur vorzeichnet.” (wst)