Papierrecycling im BĂĽro
Ein japanischer Radiergummihersteller ermöglicht das innerbetriebliche Wiederaufarbeiten von Altpapier. Ein weiteres Beispiel dafür, wie technischer Fortschritt Herstellungsprozesse - und damit auch seine Probleme - dezentralisiert.
- Martin Kölling
Ich habe mich immer gefragt, wo wohl all das Altpapier landet, das ich in Japan säuberlich nach Materialbeschaffenheit sortiert und geschnürt an den Straßenrand stelle. Mein Vertrauen ins japanische Recycling ist nicht so schrecklich groß. Denn im Land der aufgehenden Sonne wimmelt es von wilden Müllkippen, selbstständigen Müllsammlern und so genannten – oft mit der Unterwelt verbundenen – "Müllentsorgungsunternehmen", die jährlich bis Mitte dieses Jahrzehnts noch rund 400.000 Tonnen Bauschutt und anderen Industriemüll nicht kostspielig auf Müllkippen, sondern diskret und zu regelrechten Dumpingpreisen in den in Hülle und Fülle vorhandenen Bergen oder Gewässern der Inselnation verklappen.
Der Radiergummi-Hersteller Seed aus Osaka hat nun für mich scheinbar die rettende Lösung parat: eine Papierherstellungsmaschine fürs Büro, die Altpapier als Ausgangsprodukt verwendet. Mit dieser dezentralen Papierproduktion kann endlich jeder Unternehmer vor seinen eigenen Augen sehen, wie die betrieblichen Papierberge sich vor Ort in Recyclingpapier verwandeln. Obendrein spart man sich die Schredderkosten, weil sich Firmengeheimnisse unwiederbringlich im Zellulosebrei auflösen. Und die Umwelt wird entlastet, weil die Transportkosten für das schwere Recyclinggut entfallen. Doch stimmen die Ansprüche mit der Realität überein?
Zuerst: für mich ist die Maschine Teil eines Trends zu lokalen Kleinanlagen und individuellen Produktion von Gütern, Inhalten und Diensten, der durch technischen Fortschritt ermöglicht wird. Inzwischen gibt es erste Drucker, die komplexe Produkte in drei Dimensionen drucken können. Allerorten wird versucht, die Stromerzeugung durch Solar- und/oder Brennstoffzellen zu dezentralisieren. Alles schön und gut, doch die Kehrseite des Trends wird mir bisher zu wenig beleuchtet, so dass ich mich noch schwer damit tue, über die neuen Möglichkeiten zu jubeln: Durch die Dezentralisierung werden auch die Probleme dezentralisiert. Eventuell ist sie sogar ökologisch kontraproduktiv. Denn es ist ja kein Naturgesetz, dass Klein-klein effizienter und umweltfreundlicher ist als die Großproduktion.
Die genannte Papieranlage ist ein Beispiel dafür: Das System besteht aus zwei Teilen, die durch ein Rohr verbunden und irgendwie an das Wassernetz angeschlossen sind. Im ersten Gerät wird das benutzte Papier zuerst in einem Mixer in Wasser aufgelöst, dann mittels eines keramischen Schleifsteins zerrieben und durch Zugabe von Wasser zu Faserbrei verarbeitet. Der wird dann durch das Verbindungsrohr in Maschine zwei gepumpt, in der pro Stunde 150 Blatt Papier hergestellt werden können.
50 bis 60 Liter Wasser pro 500 Blatt A4-Kopierpapier fallen insgesamt an, dank niedriger Wasserpreise ein minimaler Kostenfaktor in Japan. 95 Prozent des Papiers können so recycelt werden, versprechen die Entwickler. Das Gerät, obwohl auf die Verwendung von nur mit schwarzer Tinte oder Toner bedruckten Papier spezialisiert, soll auch dann noch brauchbare Ware liefern, wenn 20 bis 30 Prozent der Papierzufuhr farbig bedruckt sind. Bis zu zehn mal soll Papier so recycelt werden können. Kostenpunkt der Anlage: schlappe acht Millionen Yen, rund 60.000 Euro. Denn: Umweltschutz darf ruhig etwas kosten.
Doch nun beginnen die Probleme: Wohin mit den Abfällen, vor allem dem Deinkingschlamm, der bei der Entfärbung des Altpapiers durch eine Lauge anfällt? Wie wird das Wasser gereinigt? Und wohin mit dem Restpapier? Die Industrie ist noch nicht auf die Entsorgung dezentraler Einheiten eingestellt.
Und auch wenn sie es wäre: Wie lässt sich gewährleisten, dass dieser Müll regelgerecht entsorgt wird? Schließlich wird die Kontrolle mit jedem zusätzlichen Kleinproduzenten schwieriger. Und rechnet sich – im Zusammenhang des gesamten Systems gesehen – der höhere Materialaufwand für kleine Einzelmaschinen ökologisch wie ökonomisch? Bis zum Nachweis einer gut funktionierenden Kostenrechnung bleibe ich skeptisch und stelle mein Altpapier doch lieber an den Straßenrand. (wst)