Datenpunk

Vorweihnachtliche Anmerkungen zum Mythos von Ordnung und Hochreinheit

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Abendspaziergang. Von irgendwoher durch die dunkle Adventskälte roch es nach Kohlefeuer. Es gibt kaum einen wirkungsvolleren Erinnerungskatalysator als einen flüchtigen Geruch. Aus dem Kohlefeuerhauch trat ein Wintertag vor meine geistige Nase, der ein Verteljahrhundert zurücklag. Seit Tagen hatte ich das Aschefach aus dem Ofen immer nur in den Eimer daneben ausgeleert und war zu faul, den Eimer runterzutragen. Mit jedem Schwung Asche stieg eine dicke Staubwolke aus dem Eimer auf. Ich saß zwei Schritte vom Ofen weg an meinem Computer.

Mir wurde an diesem Tag deutlich, dass ich in Wirklichkeit kein Schriftsteller war, sondern jemand, der seit Jahren versuchte, seinen Schreibtisch aufzuräumen. Das Schreiben ergab sich nebenbei, während ich vor dem Tisch saß; das Aufräumen hingegen war schicksalhaft. Zwei Schritte zum Ofen, schon war alles wieder durcheinander. Glaubt man der Bibel, so war es die Hand Gottes, die Ordnung in die Welt brachte. Wir Ungläubigen versuchen selbst aufzuräumen und müssen natürlich scheitern. Dann trübte sich der Mythos der Reinheit, den ich immer ganz selbstverständlich mit dem Computer verbunden hatte. Ich sah die dünne, mehlweiche Ascheschicht, die alles im Zimmer überdeckte, alle Computerbestandteile und die ausgebreiteten Disketten. Der bernsteinfarbene Monitor leuchtete wie ein großes Glutstück. Das ganze Zimmer erschien mir wie ein Ascheimer. In dieser schmutzigen Wirklichkeit fühlte ich mich unendlich fern von all den stofflos reinen Dingen, die ich bisher mit dem Computer verbunden hatte.

Im Lauf der siebziger Jahre war in mir ein Eindruck vom Computer als einem Kristall der Klarheit erwachsen. Eine gewisse Häufung von Fehlerverunreinigungen vermochte meinem Eindruck nichts anzuhaben, nicht eine verlorene Venussonde (Mariner I), nicht das mehr als 200 Seiten starke Astronauten-Handbuch mit Bugs in der Software der Space Shuttles, nicht das US-Raketenfrühwarnsystem, das den aufgehenden Mond als anfliegende sowjetische Atomrakete interpretierte. Vor meinen Augen bewegten sich astronautenhaft vermummte Techniker durch Clean Rooms, deren vielfach gefilterte Luft maximal zehn Staubpartikeln pro Kubikmeter enthält. So merkwürdig es sich anhört, arbeiten diese hochreinen Menschen dennoch daran, das pure Silizium zu verunreinigen. Die Belegschaft eines Clean Rooms des kalifornischen Rüstungsunternehmens Northrop kochte dort auch Suppe, aß Lunchpacks und rauchte, und erst als eine Mitarbeiterin die Behörden informierte, da sie befürchtete, die Atomraketen könnten den dritten Weltkrieg auslösen, wurde das Verunreinigen in die gewohnten Bahnen zurückgelenkt.

Ein beliebter Denkfehler, den die Miniaturisierung nach sich zieht, ist die vermeintliche Entstofflichung der Welt durch Programmabläufe im Inneren eines Computers. Die virtuellen Vorgänge entsprechen zwar der Vorstellung eines von Materie unberührten, reinen Ereignisraums, nicht aber der Realität. Auch Leute, die es eigentlich besser wissen müßten, behaupten, dass Software eine abstrakte Sache sei, die nicht wirklich da ist. Ich schaute durch 25 Jahre hindurch nochmal auf die Asche in dem Eimer. Ich sage nur: Alphastrahlung. Obwohl Speicherchips gewöhnlich isoliert sind, liegt es im Bereich des Möglichen, dass ein oder das andere der positiv geladenen Heliumteilchen durchrutscht und die Ladung eines Bits von 0 nach 1 oder umgekehrt verändert. In dem ascheverschleierten Zimmer mußte ich einsehen, dass es nicht die Reinheit ist, die sich ausbreitet, sondern der Schmutz. Schmutz ist nicht einfach nur Materie am falschen Ort. Es gibt kein Ding auf der Welt, das nicht auf irgend eine Art mit seiner Umgebung in Wechselwirkung stünde. Die Asche, die sich subtil in dem Zimmer breitmachte, bildete eine merkwürdige Mitte zwischen den Stapeln analoger Papiere auf meinem Schreibtisch und der technologischen Fiktion im Computer. Auch der vermeintlich klare Bildschirmaufbau war eine glatte Lüge, eine weitere Kulisse der digitalen Reinheit. Was so ordentlich aussieht, in regelmäßige Listen oder Fenster gefaßt, ist meist nicht mehr als der bloße Anschein einer Ordnung. Dahinter gähnt das Chaos, der Datenstaub, der digitale Dreck.

Der Geruch von dem Kohlefeuer war verflogen. Mir war danach, in ein Feuer zu schauen. Ich ging nach Hause und ĂĽberlegte, ob ich nicht vielleicht den einen stillgelegten Kamin nochmal in Betrieb nehmen sollte, oder mir wieder einen Ofen besorgen. (wst)