Blick aus dem Realitätstunnel

Bei Robert Anton Wilson finden wir eine schlüssige Erklärung, warum die Klimapolitik nicht richtig vom Fleck kommt.

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Von
  • Niels Boeing

Bei dem aktuellen Gefeilsche um die Klimapolitik fiel mir einmal mehr eine Passage aus Robert Anton Wilsons „Illuminati-Papieren“ (1980), die mir aus diesem Buch als einzige in Erinnerung geblieben ist. Eine Passage ist nicht viel, aber ich finde sie nach wie vor brillant:

„Die meisten Menschen werden von einem einzigen Satz von Bioüberlebensstrategien geprägt, von einem einzigen emotionalen Spiel, einer einzigen symbolischen Realitätslandkarte und einer einzigen Geschlechterrolle, und dann hören sie auf sich zu entwickeln. Um Richard Nixon zu verstehen, gehen wir davon aus, dass sich sein Nervensystem nie wieder änderte, nachdem sein erster Orgasmus um 1925 herum seine Geschlechterrollen-Prägung im [neuronalen] Schaltkreis IV festlegte. Er betrachtet die 1970er im wahrsten Sinne des Wortes durch einen Realitätstunnel der 1920er. Der so genannte „Zukunftsschock“ ist in Wirklichkeit ein Gegenwartsschock, wie Leary sagt, die Gegenwart ist die Zukunft des Nervensystems. Die meisten Menschen sehen/fühlen eine Welt, die in der Mitte ihrer Jugend verschwand.“

Viele Vertreter von Politik und Industrie, die in den letzten zwei Wochen in Posen und Brüssel „Mäßigung“ beim Klimaschutz zugunsten der Konjunktur durchsetzten, sind um 1950 (plus/minus einige Jahre) geboren. Das Problem eines möglichen Klimawandels war in ihrer Jugend noch kein Thema. Wohlstand, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit hingegen bekamen damals offenbar zentrale Orte in der sich gerade entwickelnden Realitätslandkarte zugewiesen. Anders gesagt: Die Beteiligten schauen aus dem Realitätstunnel des 68er-Kulturkampfes heraus und wittern überall die Einführung des Sozialismus durch die Hintertür, etwa wenn CO2-Zertifikate im Emissionshandel von staatlicher Seite aus versteigert werden sollen.

Natürlich kann man einwenden, dass es doch nur um Machtpolitik gehe und Wilsons Gedanke eine billige Entschuldigung sei. Aber ich meine schon, dass es sich lohnt, sich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, dass auch der Mensch ein Produkt der Evolution ist. Und die hat bei ihm bislang weder eine kollektive Art-Intelligenz hervorgebracht noch die Fähigkeit, in langen Zeiträumen global zu denken.

Marvin Minsky bezeichnet Emotionen in seinem Buch „The Emotion Machine“ als eine „weitere Art zu denken“, als Mechanismus, mit dem der Homo sapiens grundlegende Erfahrungen seiner Entwicklungsgeschichte speichert, um sie sehr schnell abrufen zu können. In der jüngeren Evolution könnte sich bei den Bewohnern der gemäßigten Breiten auf der Nordhalbkugel ein Klimaereignis auf diese Weise verdichtet haben: die Eiszeit. Eine globale Erwärmung ist für Nordlichter, die ja im Wesentlichen noch die Macht auf diesem Planeten haben, zu abstrakt – da springt keine Urerinnerung an.

Auch bei Angela Merkel nicht. Zwar hat sie noch nach dem CDU-Parteitag im Tagesthemen-Interview gesagt: „Es wäre ganz falsch, jetzt die Innovation, die wir hier im Klimaschutz auch erzeugen, nicht voranzutreiben.“ Aber der Satz kann unmöglich einen emotionalen Gehalt haben, sonst hätte sie seitdem nicht beim Klimaschutz so auf die Bremse getreten.

Bis die Generation aus dem Realitätstunnel der 1990er, in denen das Weltklima schon in den Medien war, an die Macht kommt, müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Das wird frühestens ab 2020 der Fall sein. Bis dahin wird Pixar mindestens „Ice Age 5“ abgedreht haben. (wst)