Die Werbung guckt zurĂĽck

Endlich ist es soweit: Reklame kann erkennen, wer sie anschaut. Der Schritt zur personalisierten Werbetafel a la "Minority Report" ist nur noch eine Frage des Wollens, zeigen die japanischen Entwickler.

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Von
  • Martin Kölling

Halb bin ich hingerissen, halb abgestoßen: Gesichtserkennungssoftware erobert immer neue Sphären des täglichen Lebens. Sie begann ihren Siegeszug in digitalen Fotoapparaten, um dort die besten Bilder auszusortieren. Dann wurde sie in Japan zur Alterserkennung an Zigarettenautomaten eingesetzt. Nun will der örtliche Telekommunikationsriese NTT Communications sie in der Werbung einführen.

In einem Feldversuch haben die Entwickler eine Digicam auf eine elektronische Werbetafel (sprich: einen Flachbildschirm) gesetzt. Die dahinter liegende Software kann nun erkennen und auswerten, wie viele der vorbeiströmenden Passanten auf die Werbung schauen. Ermöglicht wird die neue Funktion dadurch, dass Gesichtserkennungssoftware inzwischen auch die Blickrichtung von Menschen einschätzen kann. Unter den Ersterprobern dieser Funktion waren bislang Autokonzerne. Die wollen damit erkennen, ob der Fahrer müde oder abgelenkt ist und dementsprechend warnen.

Für die Werber werden mit dieser Technologie ein Traum und ein Albtraum war: Einerseits können sie selbst bei Werbetafeln die Wirksamkeit ihrer Reklame überprüfen und ihre Techniken der Massenhypnose weiter verfeinern. Anderseits ermöglicht der neue Ansatz es aber auch den Auftraggebern, Werbung nicht mehr pauschal abzurechnen, sondern ähnlich wie über Klickraten bei Anzeigen im Internet über "Blickraten". "Pay per view" in der Straßenwerbung, eine kleine Revolution für die Werbewelt.

"Okay, macht Sinn, ist unbedenklich", würde ich gerne denken – wenn ich nicht wüsste, dass Gesichtserkennungssoftware bereits heute noch viel mehr kann. Die Bestimmung der Blickrichtung ist da nur das einfachste. Wie Omrons "Okao"-System zeigt, kann moderne Rechentechnik inzwischen selbst bei größeren Menschenmengen gleichzeitig Geschlecht und Alter der herumhastenden Individuen bestimmen. Japanische Unternehmen experimentieren bereits jetzt, diese Funktion für grob personalisierte Werbung zu verwenden. Wenn nach Feierabend zwei oder mehr Männer vorbei laufen, wird auf der Reklametafel vielleicht eine Kneipe aus der Umgebung eingeblendet. Schreitet ein junges Pärchen vorbei, sieht es vielleicht ein romantisches Lokal oder den Juwelier in der Nachbarschaft.

Richtig schaurig finde ich die Vorstellung, die Technik mit einer entsprechenden Personendatenbank zu verbinden. Die Software könnte dann den Gesichtern mit recht hoher Wahrscheinlichkeit Namen einzelner Menschen zuordnen. Wenn dann noch die Einkaufsgeschichte, die Hobbys, der Familien- und Kontostand mit abrufbar wären, könnte richtig maßgeschneiderte Werbung auf dem Bildschirm erscheinen.

Die Gesichtserkennung identifiziert Personen zwar nicht so genau wie ein Irisscan im Film Minority Report. Aber für Werbezwecke wäre sie ausreichend genau. Die Verwirklichung von Science Fiction-Fantasien ist damit nicht länger allein eine Frage der Technik, sondern vor allem eine des Wollens. Nur befürchte ich, dass die Diskussion um den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre die heutigen technischen Möglichkeiten noch nicht einmal zur Kenntnis genommen hat. (wst)