Medcrash

Es gibt Probleme, bei denen die Betreiber eines IT-Systems alles richtig machen können und das Problem ist trotzdem noch da. Heikel wird es, wenn es sich dabei um die Computer eines Krankenhauses handelt.

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Von
  • Peter Glaser

Ende November brachte eine Infektion mit dem Mytob-Wurm die IT-Systeme dreier Londoner Krankenhäuser zum Erliegen. Die Administratoren waren zunächst noch zu der Auffassung gelangt, die Malware unter Kontrolle zu haben. Als sich dann Krankenhausmitarbeiter wie gewohnt einloggten, stürzte das komplette System ab.

Erst nach einer halben Woche waren die Schlüsselbereiche digital desinfiziert und die Internet-Zugänge funktionierten wieder. Es dauerte noch ein paar weitere Tage, ehe alle Rechner in den verschiedenen Abteilungen von dem Wurm und seinen Folgen bereinigt waren. Der Krankenhausbetrieb lief in der Zeit nach einem Notfallplan weiter: Die Ärzte fertigten ihre Dokumentationen wieder mit Stift und Papier an. Am schlimmsten getroffen durch den fehlenden Computerzugang war aber die Verwaltung.

Computerprobleme in Krankenhäusern werden äußerst kritisch wahrgenommen. Mitte November 2002 war das Computersystem einer angesehenen Großklinik in Massachusetts, des Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, zusammengebrochen. Die Betreiber erlebten das, was hierzulande die Kassenärztliche Bundesvereinigung der Gesundheitsministerin gelegentlich androht: Dienst nach Vorschrift – allerdings in Form eines digital bedingten Boykotts.

Die EDV-Infrastruktur des riesigen Hospitals mit Internet-Anbindungen, drahtlosen Geräten und einem täglichen Datendurchsatz von 40 Terabyte galt eigentlich als Paradestück im Gesundheitswesen. Der Datentransport im Netz verlangsamte sich aufgrund der Probleme jedoch dramatisch und niemand vermochte zu sagen, ob Informationen rechtzeitig an ihrem Ziel ankamen. Man entschloss sich, einen Teil des Systems abzuschalten, wodurch sich die Probleme allerdings verschärften. Um den Betrieb aufrecht zu erhalten, ging die Verwaltung dazu über, sämtliche Vorgänge wieder auf Papier abzuwickeln. Hunderte Mitarbeiter vom Pfleger bis zum Klinikchef schoben Überstunden, um eine Viertelmillion Formulare von einem Ende des Klinikkomplexes zum anderen zu tragen. Läufer brachten im Zehnminutenabstand Proben und Patientendatenblätter in die Labors.

Das Bemerkenswerte: Die Betreiber des Beth Israel-Klinikums hatten alles richtig gemacht, was man als Betreiber eines großen Netzwerks tun kann, von dem Menschenleben abhängen. Es gab fünffache Sicherheitskopien aller Daten. Es gab Reserve-Server und nicht nur einen Notfall-Generator, sondern zwei, und falls alle Stricke reißen sollten auch noch Batterien. Es existieren doppelte Datenverbindungen zwischen dem Rechenzentrum und den Abteilungen der Klinik – aber als die Probleme anfingen, waren beide augenblicklich überlastet. Wie sich herausstellte, hatte ein Forscher ein extrem rechenintensives Analyseprogramm gestartet, das den Datenverkehr im Netz anschwellen ließ.

Solche großen Systemstörungen werden möglicherweise bald einer Individualisierung unterzogen. In Zukunft könnte jeder Einzelne die Möglichkeit haben, das Gesundheitssystem digital durcheinanderzubringen. Mit der geplanten Einführung der elektronischen Gesundheitskarte soll unter anderem sichergestellt werden, dass der Patient Herr seiner eigenen Daten bleibt. Die über ihn gespeicherten Informationen soll er also auch selbst auslesen, verändern und gegebenenfalls löschen können – was allerdings die Behandlungssicherheit für den Arzt berühren würde. In den Testregionen der Pilotversuche wurden übrigens zwischen 30% und 75% der Versichertenkarten durch falsche PIN-Eingaben dauerhaft gesperrt. Eine Möglichkeit zur Entsperrung der Karte ist nicht vorgesehen. (wst)