Geisterhafte Downloadmusik

Super-Hifi-CDs sind der Renner in Japan. Sie können die Audio-Scheibe zwar nicht retten, unterstreichen jedoch, dass die Silberlinge nur langsam sterben. Denn reine Digitalmusik ist vielen einfach zu gespenstisch.

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Von
  • Martin Kölling

In Japan erlebt die CD eine Notblüte – vielleicht ihre letzte. Die Musikfirmen führen Silberlinge mit besonders hoher Klangqualität ein, um den durch die Download-Flut einbrechenden Absatz mit den physischen Scheiben aufzupäppeln.

Vier Formate sind auf dem Markt oder in Entwicklung, berichtete jüngst die Zeitung Nikkei. Sie alle basieren vereinfacht gesagt darauf, die Genauigkeit zu erhöhen, mit der die Daten auf die Scheiben gepresst werden. Dadurch versprechen die Hersteller noch größeres Hörvergnügen als mit den Scheiben, mit denen sie bisher bereits höchsten Hörgenuss versprachen. Das kann zwar das Siechtum der CD nicht aufhalten, aber belegt zumindest, dass die Silberlinge noch lange nicht so tot sind, wie sie häufig geschrieben werden.

Die Musik wird auf CDs in Form kleiner Vertiefungen gespeichert, die mit einem roten Laser abgelesen werden. Für die Herstellung von CDs wird zuerst eine Mastervorlage erstellt, von der Stempel abgezogen werden, mit denen die Vertiefungen dann auf die Polykarbonat-Scheiben gepresst werden können. Die Qualität der Musikwiedergabe wird von der Qualität dieses Druckes bestimmt.

Sony Music Entertainment nutzt für die Herstellung des Masters nun einen blauen Laser, der feiner ist als ein roter, und dazu noch ein verbessertes Plastik als Datenträger. Dadurch wird die Fehlerrate reduziert. "Blu-spec" nennt der Elektronikkonzern den Spaß – die Blu-ray-Technik für den Nachfolger der DVD lässt grüßen. Zu Weihnachten brachte Sony die ersten 60 Alben mit dieser Technik auf den Markt. Ein bisschen spät vielleicht. Denn Universal Music Japan und JVC haben gemeinsam bereits ein "Super High Material" entwickelt, das supertransparentes Polykarbonat nutzt, um die Fehlerrate zu senken. Seit Ende 2007 sind die Scheiben bereits auf dem Markt.

Obendrein befindet sich noch eine "High-Quality CD" in Arbeit, die sich vom im DVD-Generationskrieg gescheiterten HD-DVD-Format ableitet. Den Preis für höchste Sinnlosigkeit verdient sich allerdings Memory-Tech, ein CD- und DVD-Hersteller. Für Victor Entertainment hat das Unternehmen eine CD auf Glasbasis entwickelt, die laut der Nikkei für 180.000 Yen (umgerechnet rund 1500 Euro) verkauft werden soll – pro Stück.

Die superklare CD kannibalisiert allerdings lediglich die alte CD, nicht aber die Musik-Downloads. Denn Online-Songs sind einfach praktischer: Sie nehmen weniger Platz weg, sind 24 Stunden pro Tag verfĂĽgbar und zwingen mich nicht, neben meinem LieblingsstĂĽck noch ein Dutzend anderer Melodien mitzuerwerben.

Eher erstaunlich ist, dass die japanischen Firmen sich trotzdem noch einmal die Mühe machen, die CD zu verbessern. Dies zeigt für mich, dass die Plastikscheibe langsamer stirbt als die Schallplatte oder die VHS-Videokassette beim Übergang auf CD und DVD. Ein Grund ist meines Erachtens, dass der hörbare Qualitätssprung von CD auf im Internet gespeicherte Musik im Gegensatz zum Übergang von der Schall- auf die Kompaktplatte kaum bis gar nicht vorhanden ist, so dass viele ältere Musikenthusiasten keinen Grund sehen, ihre Kaufgewohnheiten zu ändern.

Doch der wichtigere Grund für den langsamen Übergang zum vollvirtuellen Musikgenuss scheint mir jedoch in dem Unbehagen vieler Erdenbürger mit Informationsträgern zu liegen, die sie nicht anfassen können. Eine CD lässt sich immerhin noch in die Hand nehmen, genauso wie eine Zeitung oder ein Buch. Die Daten haben noch eine stoffliche Entsprechung in der Erfahrungswelt der Nutzer. Sie lassen sich im Wortsinn "begreifen", sichtbar ordnen und sortieren. Auf Speicherchips hingegen liegen die Informationen digital aufgelöst, quasi geisterhaft, vor. Ehrlich gesagt empfinde auch ich dies als gespenstisch – dabei bin ich selbst eifriger Nutzer diverser Internet-Angebote, Video-Downloads und inzwischen auch virtueller Musikläden. (wst)