Wird Licht - oder auch nicht
Was ein Stromausfall in einer Bar auf einer Mittelmeerinsel mit den Schattenseiten eines grĂĽnen Kapitalismus zu tun hat.
- Niels Boeing
Alle Jahre wieder zieht es mich am Jahresende in die Ferne. Einen Schnitt machen ohne Geböller und andere Zumutungen dieser hierzulande gar nicht so beschaulichen Tage. Diesmal fand ich mich auf Gozo wieder, der kleinen Nachbarinsel von Malta (beide bilden die Republik Malta). Was mich erstaunte: nirgends ein einziges Windrad und nur sehr selten eine Photovoltaik-Anlage auf einem Dach. Dabei mangelt es nicht an Wind und Sonne.
Letzten Samstag Abend fiel plötzlich der Strom aus. Zack war die Insel bis auf einige Kirchenbeleuchtungen in der Ferne dunkel (unterhält die katholische Kirche hier eigene Generatoren für ihre Herrlichkeit?). In der Bar neben der Basilika zuckten die Gozitaner nur mit den Schultern und lachten. "Das passiert hier ständig", hieß es. Wo kommt der Strom her, fragte ich. Keiner wusste es so genau. Aus Sizilien, sagte einer, nein aus Malta, ein anderer. Aus einem Kernkraftwerk, meinte ein Dritter. Ist ja auch egal.
Zwar dauerte es nicht anderthalb Stunden, wie flugs per SMS eintreffende Prognosen zunächst behaupteten, sondern nur eine Viertelstunde, bis das Licht wieder anging. Aber das Spektakel wunderte mich doch. Wie sieht die Energieversorgung dieses bis 1961 in britischem Besitz befindlichen Inselstaates eigentlich aus?
Tatsächlich ist das Stromnetz der Republik Malta nicht mit Sizilien verbunden, es gibt auch kein AKW auf Malta. Zwei Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 571 Megawatt verfeuern importiertes Öl und Gas, und ein Teil der Turbinen ist schon einige Jahrzehnte alt. Der Energieversorger Enemalta hat zwar Pilotprojekte zu Windenergie und Photovoltaik laufen. Aber die erinnern von der Größe her an die graue Vorzeit der Erneuerbaren Energien. Deren Anteil will Enemalta bis 2020 immerhin auf zehn Prozent erhöhen.
Malta ist erst seit 2004 Mitglied der EU, aber auch kein Armenhaus: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt laut IWF nominal über 20.000 Dollar (Platz 28 im internationalen Vergleich). Was haben die lokalen Verantwortlichen in den letzten 20 Jahren eigentlich gemacht und gelesen? Das maltesische Establishment ist seit jeher international vernetzt und gut betucht, an Provinzialität kann es nicht gelegen haben. Dass die fossile Energieversorgung keine Zukunft hat, konnte man auch schon länger wissen.
Andererseits erfordern Erneuerbare Energien gehörige Investitionen, erst recht, wenn man die Produktionsmittel dazu nicht selbst herstellt. Mal abgesehen davon, dass die EU hier bestimmt helfen wird: Das Beispiel Malta bringt mich auf den Gedanken, dass ein künftiger "grüner Kapitalismus" nicht unbedingt freundlicher ausfallen muss als der bisherige. An der Struktur wird sich nicht viel ändern.
Energie- und Umwelttechnik wird zum nächsten Kapital- und Knowhow-intensiven Exportprodukt einiger Industrieländer/-regionen, die sich hier ihren Vorsprung erarbeitet haben. Die Ökologisierung wird top-down erfolgen: Die reicheren und technisch entwickelteren Regionen können sie sich selbst leisten, die anderen müssen entweder wieder Kredite aufnehmen oder ihre klimapolitische Entwicklungshilfe mit CO2-"Verschmutzungsrechten" bezahlen – genötigt werden sie dazu spätestens mit dem Post-Kioto-Klimaschutzabkommen von 2012. Einige Global Player aus alten alten Industrien (Autos) werden durch neue (z.B. für Wind- und Solarenergieanlagen) ersetzt. Sonst bleibt alles wie gehabt. An den Finanzmärkten wird es irgendwann eine neue "grüne" Blase geben, und eine eigenständige und nachhaltige regionale Entwicklung wird auch in Zukunft für viele Weltregionen eine Utopie bleiben, weil sie schon wieder nur hinterherhecheln.
Mag sein, dass irgendwann kleine Länder mit passender Geographie wie Malta komplett aus Erneuerbaren Energien versorgt werden können, größere Industrieländer zu einem wesentlichen Teil. Mit einem nachhaltigen Wirtschaftssystem hat das aber noch nichts zu tun, wenn die restlichen strukturellen Probleme der gegenwärtigen Krise – sozial und ökologisch – bei einem "Green New Deal" ausgespart bleiben. Wer das für weit hergeholt hält, dem empfehle ich die "20 theses against green capitalism" zum Nachdenken. (wst)