Lukullischer Klon
Das erste erfolgreiche Klonen von Rindern aus über Jahre tiefgefrorenen Körperzellen weckt bei japanischen Gourmets die Hoffnung auf Mammutsteaks.
- Martin Kölling
Sie geben ihren Rindern Bier zu trinken und massieren sie liebevoll, nur um ihr Fleisch enorm lecker zu machen. Nun könnte die japanische Jagd nach dem höchsten Gaumengenuss der Welt die Wiedergeburt des ausgestorbenen Mammutelefanten bescheren. In Japan haben Forscher des Gifu Prefectural Livestock Research Institute und der Kinki-Universität aus den seit 13 Jahren tiefgefrorenen Hoden des Vaters der von Gourmets hochgelobten Hida-Rinderzucht Klone gezüchtet. Yasufuku hieß der Prachtbulle, der zu Lebzeiten 40.000 Schlacht- und nun postum vier Klonkälber zeugte, von denen sogar drei überlebten.
Ein Durchbruch, jubelten die Forscher im US-Wissenschaftsmagazin PloS One: Sie hätten damit bewiesen, dass es möglich ist, auch aus lange Zeit ungeschützt tiefgefrorenen Körperzellen lebensfähige Klone zu gewinnen. Bislang dachte man, dass die Erbinformation durch langjährige Tiefkühlung für reproduktive Zwecke unbrauchbar würde. Und flugs malten die Genetiker dem Volk aus, dass mit der neuen Technik auch im sibirischen Eis tiefgefrorene Mammuts Stifter für neue Linien zotteliger Rüsseltiere werden könnten.
Die Forscher stehen mit ihrer Hoffnung nicht alleine dar. Der New Scientist spekulierte kürzlich in einem Artikel über zehn ausgestorbene Lebewesen, die wieder ins Leben zurückgebracht werden könnten. Darunter der Säbelzahntiger, das wollige Nashorn oder gar der Neandertaler.
Für die neue Hoffnung danken können wir der weisen Voraussicht japanischer Genforscher. Die hatten den Bullen Yasufuku zwölf Stunden nach seinem Tode entmannt, seine Eier in Alufolie eingeschlagen und bei minus 80 Grad im Eisschrank deponiert. Das war vier Jahr bevor der erste Klon aus Körperzellen, das Klonschaf Dolly, der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Erst vor drei Jahren bettete man die Reliquie vom vergötzten Stier in flüssigen Stickstoff um. Und ab 2007 machte man sich daran, mit dem Erbgut Gott zu spielen. Um die Gentechnik-skeptischen Japaner nicht zu verschrecken, geloben die Forscher, Yasufukus Kopien nicht direkt zu Zuchtzwecken zu verwenden. Vielmehr wolle man durch die Untersuchung der Gene besser verstehen, warum das Fleisch des Hida-Rindes so gut schmeckt.
Was auch immer die Forscher wirklich im Schilde führen: Für die Menschen, die ihre Leichen oder die ihrer Liebsten in den letzten Jahrzehnten auf Eis legen ließen, um sie vielleicht später einmal wieder beleben zu lassen, beginnen nun hoffnungsfrohe Zeiten. Mir selbst behagt die Vorstellung allerdings nicht, dass ein "Jurassic Park" kurz vor der Tür steht – und noch weniger die Idee, dass die Abzüge von Toten durch die Welt laufen. Neben ethischen Bedenken kann ich schlicht die Faszination vom ewigen Leben und der Wiedererweckung der körperlichen Hüllen verblichener liebgewonnener Lebewesen nicht teilen. Dahinter steht meines Erachtens die Illusion, dass man Glück festhalten kann. Doch die Welt ist im Fluss, die Erlebnisse der Vergangenheit bleiben lediglich in der Erinnerung lebendig und können nicht für die Zukunft festgeschrieben oder reproduziert werden. Auch nicht per wohlschmeckendem Klon. (wst)